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Borreliose: Der Biss des Spinnentiers

Fast jede dritte Zecke trägt Borrelien in sich. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zecke Borreliose auf einen Menschen übertragen kann, liegt damit bei rund 30 Prozent.

Vera kann sich die plötzlichen Beschwerden am Knie nicht erklären: Erst juckt die Haut, dann schwillt das Gelenk an. Die 50-Jährige spürt einen dumpfen, ziehenden Schmerz. Dazu kommt eine gerötete Haut verbunden mit einem sehr deutlichen Wärmegefühl. Eine Sportverletzung schließt Vera aus. Dennoch sieht Vera ihren kurz bevorstehenden Wanderurlaub in der Schweiz gefährdet.

Bislang hat die Süddeutsche keine Knieprobleme, doch Vera erinnert sich: Vor einem Monat haben sie beim Pilzesammeln innerhalb kürzester Zeit sechs Zecken gebissen – oder, wie es fachsprachlich heißt, gestochen, die Tiere haben einen Stechrüssel. Bei so vielen Zecken ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine davon Borrelien in sich getragen und an Vera weitergegeben hat. Bei Borrelien handelt es sich um spiralförmige Bakterien namens Borrelia burgdorferi, die im Darm der Zecke wohnen und beim Menschen die Lyme-Borreliose auslösen. Menschen erhalten die Bakterien ausschließlich über Zecken.

Wie erkennt man eine Borreliose?

In rund vier von fünf Fällen deutet die sogenannte Wanderröte (Erythema Migrans) auf eine Borreliose-Infektion hin. Sie wird meist sieben Tage bis 14 Tage nach dem Biss sichtbar und bildet rund um den Einstich die Form eines roten Kreises. Dabei kann der Kreis durchgehend rot sein, es kann sich aber auch ein Ring bilden, in dessen Innerem die Haut ihre normale Farbe behält. Tritt die Wanderröte in dieser typischen Form auf, ist die Diagnose für den Arzt klar. In der Regel verschreibt er ein Antibiotikum ohne eine weitere Blutuntersuchung.

 

Antikörper im Blut bringen Gewissheit

In Veras Fall fehlt aber diese Wanderröte. Die Rötung auf ihrem geschwollenem Knie ist unregelmäßig und nicht klar abgegrenzt. Daher lässt die Ärztin das Blut auf die für eine Borreliose-Infektion typischen Antikörper untersuchen. Im ersten Schritt sind dies zwei: Das Immunglobulin M (IgM) deutet auf eine frische Infektion hin, das Immunglobulin G (IgG) ist erst nachweisbar, wenn die Infektion mindestens einige Wochen zurück liegt. Veras Blut enthält beide Antikörper. Die Ärztin verschreibt ihr ein Breitband-Antibiotikum mit dem Wirkstoff Doxycyclin, welches die Patientin 20 Tage nehmen muss.

Ein positiver Antikörper-Test bedeutet nicht automatisch, dass die Borreliose akut ist und mit Antibiotika behandelt werden muss. Sie kann auch auf eine länger zurückliegende Infektion hindeuten. Umgekehrt kann es in einem frühen Stadium der Lyme-Borreliose auch passieren, dass überhaupt noch keine Antikörper nachweisbar sind. In diesem Fall muss das Labor das Blut bei bleibendem Verdacht einige Wochen später erneut untersuchen.

Differentialdiagnose: andere Ursachen ausschließen

Wichtig ist, dass sich der Patient bei zunächst diffusen Symptomen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Fieber, Muskel- und Kopfschmerzen und Gelenkschwellungen an den Zeckenbiss erinnert – und dies seinem Arzt auch mitteilt. Gegebenenfalls lässt er weitere Laborwerte checken, um Krankheiten auszuschließen, die ähnliche Symptome, aber vollkommen andere Ursachen haben. So kann ein geschwollenes Knie auch auf eine beginnende Gicht hindeuten. In diesem Fall untersucht man die Harnsäure. Ferner treten Beschwerden im Kniegelenk auch bei einer beginnenden Eisenspeicherkrankheit auf. Dabei handelt es sich um eine vergleichsweise häufige Erbkrankheit, bei der sich aufgrund eines Gendefekts zu viel Eisen in Organen und Gelenken einlagert. Viele Menschen wissen nicht, dass sie die Anlagen für diese Krankheit in sich tragen.

 

Langfristige Folgen einer unbehandelten Borreliose

Tückisch: Wenn die typischen Symptome fehlen, kann eine akute Borreliose unentdeckt bleiben. Lässt man sie unbehandelt, sind die Folgen für den Patienten mitunter schlimm. Mögliche Folgen sind unter anderem Gang- und Koordinationsschwierigkeiten, Blasenstörungen, Lähmungen, Sprechstörungen, Hörprobleme, chronische Gelenkbeschwerden und Herzentzündungen.

Wie kann man sich vor Borreliose schützen?

Leider existiert im Gegensatz zur Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) noch keine Impfung. Am besten beugt das Tragen langer Hosen und langärmeliger Shirts in hellen Farben vor, da man Zecken darauf schnell entdeckt. Insektenschutzmittel (Repellents) können helfen, dass die Zecken erst gar nicht auf der Haut des Menschen landen. Dabei kann man statt des Körpers auch die Kleidungsstücke einsprühen. Wer das Gehen durch hohes Gras und Gebüsch grundsätzlich meidet, geht Zeckenbissen auf natürliche Weise aus dem Weg.

Allerdings sind diese Vorsichtsregeln im Sommer nicht immer realistisch. Wer von einer ausgiebigen Wald-und-Wiesentour in sommerlichem Outfit zurückkehrt, sollte sich zu Hause komplett ausziehen, duschen und danach frische Kleidung anziehen, da sich die Zecken gern darin „verstecken“. Die getragene Kleidung möglichst weit weg vom Schlafzimmer lagern.

 

Zecken entfernen, aber richtig

Hat die Zecke bereits zugeschlagen, gilt: Keine Panik, sondern die Zecke mit einer Pinzette oder einer Zeckenkarte entfernen. Wichtig ist, dass man beim Entfernen die Zecke möglichst dicht an der Hautoberfläche erwischt und diese langsam in Richtung des Zeckenkörpers herauszieht. Sollte der Kopf einmal stecken bleiben, hilft auch hier: Ruhe bewahren und einfach den Rest im zweiten Anlauf entfernen. Gerade für Borreliose gilt: Je schneller die Zecke entfernt wird, desto größer ist die Chance, dass sie keine Erreger übertragen hat. Der Grund: Borrelien brauchen im Vergleich zu FSME-Viren für die Übertragung deutlich länger.

Die Einstichstelle kurz desinfizieren und mit einem Filzstift markieren. Zusätzlich oder alternativ die Stelle fotografieren und das Foto für den Fall weiterer Symptome einige Wochen aufbewahren. Wenn danach eine Rötung genau an dieser Stelle auftritt, ist die Ursache (fast) klar.

In Veras Fall tritt übrigens schon wenige Tage nach Beginn der Antibiotika-Therapie eine deutliche Besserung ein: Das Knie schwillt ab, die Schmerzen sind fast weg. Den Ferien in den Bergen steht nun nichts mehr im Weg.

Geraldine Friedrich