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Desinfektionsmittel: Kann zu viel Hygiene schaden?

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Hygienesprays, Desinfektionsgels, antibakterielle Reiniger – im Drogeriemarkt versprechen eine Vielzahl von Produkten eine keimfreie Umgebung. Für viele Menschen sind diese Keimkiller inzwischen zu unverzichtbaren Begleitern im Alltag geworden. Doch ist es wirklich sinnvoll, alles um sich herum zu desinfizieren? Oder hat der ständige Gebrauch von Desinfektionsmitteln eher den gegenteiligen Effekt? Wir klären auf.

Den Türöffner im Bus betätigen, einen Einkaufswagen schieben und beim Bezahlen das Kleingeld aus der Tasche holen – bei zahlreichen Situationen in unserem Alltag fassen wir Gegenstände an, die mit vielen Menschen in Berührung kommen. Das löst in uns oft das Bedürfnis aus, die Hände sofort zu reinigen – ein Grund, warum immer mehr Menschen stets ein Fläschchen mit Desinfektionsgel griffbereit haben. Dabei ist gründliches Händewaschen mit Seife völlig ausreichend. Die sogenannten lipophilen Anteile der Seifen sorgen dafür, dass Fett und Öl wasserlöslich gemacht werden. Auch Haushaltsbakterien und -viren werden von Seife problemlos beseitigt.

Was passiert beim Händedesinfizieren?

Die meisten Handdesinfektionsmittel basieren auf Alkohol, dieser trocknet bei häufiger Nutzung die Hände aus. Die Haut wird spröde und rissig und dadurch erst recht durchlässig für Krankheitserreger. Zudem töten Desinfektionsmittel – im Gegensatz zu Seife – auch Keime ab, die eigentlich gut sind. Das zerstört das natürliche Gleichgewicht der Haut, die Mikroorganismen können Toleranzen gegen bestimmte Wirkstoffe bilden. Das macht die Haut auf Dauer sogar anfälliger für Infektionen. Im Alltag sollte man sich deswegen auf das regelmäßige Hände waschen beschränken.

Wann ist Händedesinfizieren sinnvoll?

In einigen Situationen kann die Verwendung von Handdesinfektionsmitteln dennoch sinnvoll sein, wie zum Beispiel in Krankenhäusern und im Umgang mit Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, um diese nicht zusätzlich mit Keimen zu belasten. In diesem Fall sollten Sie möglichst Rücksprache mit einem Arzt über sinnvolle Mittel halten, denn nicht alle erzielen die gleiche Wirkung. Bei falscher Anwendung oder Dosierung können sie zudem mehr schaden als nutzen. Auch bei Reisen in Länder mit schlechten hygienischen Bedingungen kann der Gebrauch eines Handdesinfektionsmittel ausnahmsweise sinnvoll sein. Auch in diesem Fall sollte der Reisende ärztlichen Rat einholen. Denn welche Desinfektionsmittel am besten sind, kommt auf die Keime im jeweiligen Zielland an.

Die Wohnung richtig reinigen

Um die eigenen vier Wände gründlich zu reinigen, braucht es ebenfalls keine Desinfektionsmittel. Antibakterielle Reiniger können die nützlichen Bakterien der Hautflora schädigen und Allergien und Ekzeme auslösen. Zudem können sie die Abwehrkräfte angreifen und damit die Anfälligkeit für Krankheiten erhöhen. Einige Desinfektionsmittel gelten sogar als möglicherweise erbgutverändernd und krebserregend. Im Alltag reichen normale Seifen, Putz- und Waschmittel völlig aus. Bei den Produkten sollten Verbraucher möglichst auf eine gute Umweltverträglichkeit achten – eine Orientierungshilfe bietet das Umweltzeichen „Blauer Engel“.

Kinder brauchen keine keimfreie Umgebung

Mit kleinen Kindern im Haushalt entsteht oft ein besonderes Bedürfnis nach Sauberkeit, schließlich nehmen die Kleinen gerne alles in den Mund, lecken auch schon mal an einer Fensterscheibe und krabbeln in jede Ecke. Doch auch Kinder brauchen keine übertriebene Hygiene. Die Keime, mit denen sie in Wohnräumen in Berührung kommen, trainieren das Immunsystem und müssen nicht vernichtet werden. Ganz in Gegenteil: Forscher fanden sogar heraus, dass eine keimfreie Umgebung anfälliger für Allergien und Asthma macht.

Desinfektionsmittel belasten die Umwelt

Die Verwendung von Desinfektionsmitteln hat schwerwiegende Konsequenzen für die Umwelt. Gelangen sie über den Abfluss in die Klärwerke, töten sie dort die kleinen Wasserorganismen, die beim Reinigungsprozess des Wassers helfen. Forscher konnten bereits Rückstände von bedenklichen Stoffen wie Triclosan und Chlorofen aus hochpotenten Reinigungsmitteln in Gewässern, Klärschlamm und Fischen nachweisen. Langfristig haben Desinfektionsmittel im Abwasser zudem zur Folge, dass sie Resistenzen fördern. Bakterien bilden Abwehrmechanismen gegen die Mittel, sie vermehren sich und geben ihre Resistenz weiter. Besonders gefährlich wird es, wenn Kreuzresistenzen zu Antibiotika entstehen, die das Bakterium auf die gleiche Weise angreifen wie das Desinfektionsmittel. Statt uns zu schützen, erschaffen wir durch die ständige Anwendung antibakterieller Stoffe gefährliche, schwer zu besiegende Keime.

Nina Alpers