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Die Heilkraft der Tiere

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Der Umgang mit Tieren hat einen großen Einfluss auf uns Menschen. Er stärkt unsere Resilienz, macht uns fröhlicher und ausgeglichener. In Zeiten von Social Distancing profitieren wir besonders vom Kontakt zu unseren tierischen Freunden. Doch warum ist das eigentlich so? Ein Interview über die heilende Kraft von Tieren.

Dr. Rainer Wohlfarth und Bettina Mutschler sind Experten auf dem Gebiet der tiergestützten Therapie und beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit den Auswirkungen, die Tiere auf uns Menschen haben. Sie möchten uns ermutigen, die uralte Verbindung zwischen Menschen und Tieren neu zu entdecken und für unser eigenes Leben zu nutzen – gerade auch in schwierigen Zeiten.

Dr. Rainer Wohlfarth, Psychologischer Psychotherapeut mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und Neuropsychologie, und Bettina Mutschler, Spezialistin für tiergestützte Therapie

Warum brauchen wir Tiere in der Therapie? Wir haben doch menschliche Therapeuten und Psychologen ...

Dass wir menschliche Therapeuten und Psychologen haben, ist gut so. Tiere ergänzen mit ihren speziellen Fähigkeiten die therapeutische Arbeit. Sie helfen uns, schneller einen Zugang zu den Klienten zu finden – denn sie sind oft Türöffner oder Eisbrecher. In der Therapie wird oft über belastende Erlebnisse gesprochen, hier wirken Tiere als Stress- und Angstminderer. Und bei vielen therapiemüden Klienten, insbesondere Kindern, sind sie die besten Motivationskatalysatoren, welche die Lust am Mitmachen deutlich steigern. Und zu guter Letzt spiegeln Tiere uns unsere Schatten, also die Persönlichkeitsanteile, die wir vor uns selbst und anderen zu verbergen suchen, weil wir sie ablehnen oder weil wir sie nicht erkennen können, da sie tief im Unbewussten vergraben sind. Und das hilft, schneller die eigenen Probleme, aber auch Lösungen zu finden.

Welche Tiere sind es, die helfen, uns gesund zu machen?

Trotz aller tierethischen Bedenken sind Delfine als sanfte Helfer in aller Munde. Dagegen wissen nur wenige Menschen, dass die „besseren Delfine“ in ihrer nächsten Umgebung leben, oft bei ihnen zu Hause oder nur wenige Minuten zu Fuß oder mit dem Auto. Es sind unsere Haustiere Hund, Katze oder Pferd oder Bauernhoftiere wie Kuh, Esel, Schaf oder Ziege. Ziegen zum Beispiel können Kindern sehr gut Grenzen setzen, Esel uns Charakterstärke beibringen, Schafe uns Teil der Herde sein lassen und Schweine sind ideale Bewegungstrainer – vor allem für Kinder. Und natürlich unsere Hunde. Sie sind Angst- und Stressminderer, Motivator, Kontaktstifter, Kameraden und Tröster, Dialogpartner und emotionale Stütze. Und diese Liste ließe sich noch nahezu beliebig fortsetzen.

Können gestandene Manager etwas von Tieren lernen?

Oh ja, eine ganze Menge, zum Beispiel Charakterstärke. Denn Esel sind sehr vorsichtige Tiere. Sie setzen behutsam Huf vor Huf. Ein Esel flieht nicht einfach kopflos. Er rennt nicht der Masse hinterher. Er will anderen nicht gefallen. Er lässt sich nicht durch Karotten locken. Schon gar nicht kann er durch Ziehen, Schieben oder gar Prügel angetrieben werden. Vielmehr verlässt er sich einzig und allein auf seinen gesunden Eselverstand und gute Argumente. Und es kann auch für Manager heilsam sein, wenn man erkennt, ob man tatsächlich gute Argumente hat und diese auch vermitteln kann. So lernen Manager durch diese Erfahrung, den Esel in sich selbst zu entdecken.

Social Distancing macht einsam. Helfen da Tiere?

Aber klar. Schauen Sie doch einfach mal hin, wie sich in der Zeit vor Corona Freunde gegrüßt haben. In den letzten Monaten wurde es auf ein Flüstern reduziert, es scheint, als sei schon eine freudige Begrüßung eine unangemessene Kontaktaufnahme. Auch unsere Körper scheinen sich in der Öffentlichkeit unbeholfener zu bewegen – wir wissen nicht, wie wir Zusammengehörigkeit und Solidarität ohne Körperkontakt ausdrücken sollen. Und fällt bei der Kommunikation die Mimik wegen der Maskenpflicht weg, reagieren wir mit Unbehagen.

Begegnen wir dagegen bei einem Spaziergänge jedoch Herrchen oder Frauchen, die flotten Schrittes mit ihren Hunden unterwegs sind, dann spürt man wenig Unsicherheit. Meist huscht sogar ein Lächeln über ihr Gesicht, denn sie sind nicht alleine unterwegs. Und wandert unser Blick hinunter zum Hund, dann sehen wir seinen flockig, lockeren Hopsergang, seine Öhrchen hin und her federn und den Schwanz freundlich wedeln. Und dies bewegt etwas bei vielen Menschen, es macht uns alle augenscheinlich fröhlich. Dann verschwindet die sachliche Distanzierung und die Leute lächeln auf der Straße nicht nur den Hund an. Wahrscheinlich scherzte deshalb einer unserer Freunde: „Während der Rest von Deutschland in Panik war und Toilettenpapier, Mehl und Seife kaufte, habe ich in Panik daran gedacht, einen Hund zu kaufen!"

Und wie ist das mit der Angst in Zeiten wie diesen?

Wer intensive Kontakte zu Verwandten, Freunden und Bekannten pflegt, erlebt weniger Stress. Doch in der Corona-Krise fällt dieser Stresspuffer weg. Hier können uns die Vierbeiner helfen. Denn mittlerweile ist durch Studien gut belegt, dass allein die Anwesenheit eines ruhigen, entspannten Tieres den Blutdruck und die Herzfrequenz senkt. Und ihr Anblick verändert auch unsere Hirnaktivität. Eine aufwändige Studie mittels Positronen-Emissions-Tomografie, mit der Stoffwechselvorgänge im Gehirn sichtbar gemacht werden können, wies nach, dass die Anwesenheit des Familienhundes vor allem Hirnareale deaktiviert, die für emotionalen Stress zuständig sind. So ist der Kontakt mit unseren Haustieren, wenn wir uns wirklich darauf einlassen, wie ein „Reset“ des Körpers, psychisch und physisch. Dann können wir den Kopf durchlüften, achtsam sein und nicht an den Stress oder an die Zukunft denken.


Foto (Dr. Rainer Wohlfarth und Bettina Mutschler): Peter von Felbert