„Es geht um Unterschiede“ – Gendermedizin
Zukunft gestalten

„Es geht um Unterschiede“

Interview mit Gendermedizinerin Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek

In der Medizin galt lange der Grundsatz: Frauen sind wie Männer – nur kleiner. Gendermedizinerin Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek erklärt, warum das nicht stimmt.

Worum geht es in der Gendermedizin?
Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek: Es geht um Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die für Gesundheit und Krankheit wichtig sind. Das sind Dinge, die sich aus biologischen Unterschieden ergeben oder daraus, dass Männer und Frauen durch ihre Umgebung unterschiedlich geprägt werden. Manchmal ändert das Verhalten sogar die Biologie: Bestimmte Ernährungsweisen beispielsweise führen dazu, dass sich Stoffwechselprozesse ändern. „Du bist, was du isst“: Der Spruch ist wohl ziemlich richtig.

Gibt es eine feministische Komponente?
Schwierige Frage. Berücksichtigt man das Geschlecht in der Medizin, resultiert daraus bessere Forschungs- und Versorgungsqualität. Davon profitieren potenziell alle. Die historische Entwicklung hat dazu geführt, dass in unserem System Frauen die Benachteiligten sind. Insofern ist Gendermedizin feministisch – fast zufällig, denn wären die Männer benachteiligt, müssten wir ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken. An manchen Stellen ist dies so. Osteoporose wird bei Männern zum Beispiel oft unterschätzt, weil man lange dachte, es sei eine reine Frauenerkrankung.

Aber stimmt es, dass der männliche Körper in der Forschung die Norm ist?
Ja. Man hatte lange Zeit Scheu vor dem weiblichen Körper, auch deshalb, weil Professoren und Ausbilder fast nur Männer waren. Und in Tierexperimenten wurden lieber Männchen verwendet: Die Ergebnisse sind homogener, weil Männchen keinen Zyklus haben. Letztlich dachte man, dass Frauen so sind wie Männer – nur ein bisschen kleiner.

Sie sprechen in der Vergangenheit. Wie ist es heute?
Das Bewusstsein für die Unterschiede wächst und man bemüht sich zum Teil, sie in die Forschung zu integrieren. Auch deshalb, weil viele Zulassungen von Arzneimitteln gestoppt wurden, weil sie bei Frauen mehr Nebenwirkungen hatten. Manche Wirkstoffe müssen unterschiedlich dosiert werden. In den USA empfiehlt der Beipackzettel eines verbreiteten Schlafmittels auf Anweisung der Zulassungsbehörde jetzt eine deutlich niedrigere Dosierung für Frauen, nachdem es wegen Überdosierungen Verkehrsunfälle gegeben hat.

Beim Thema Vorsorge und Prävention hingegen sind Männer unterrepräsentiert.
Teils, teils. Die Nichtraucherkampagnen haben sich an Männer gerichtet und waren erfolgreich. Bei Darm- oder Prostatakrebs hat es offenbar weniger gute Aufklärung gegeben. Deshalb sind Männer sehr zurückhaltend, zur Frühdiagnose zu gehen. Manche sagen, Männer seien zu stolz, sich beispielsweise mit Darmkrebs auseinanderzusetzen. Sie sind zu stolz, weil man sie nicht richtig erreicht hat. Wenn ein potenzieller Patient gegenüber einer Maßnahme uneinsichtig ist, muss man besser aufklären.

Gendermedizinerin Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek

Hat das Geschlecht der behandelnden Person einen Einfluss auf die Behandlung?
Studien haben gezeigt, dass es durchaus Einflüsse gibt. Es gibt Belege, dass weibliche Ärzte objektiver sind als männliche.

Die Gendermedizin ist eine recht junge Disziplin. Sind Sie zufrieden mit dem, was sie bisher erreicht hat?
Ja. Immer mehr Fachgesellschaften erkennen an, dass das Thema wichtig ist, ebenso wie die EU-Kommission. Vom alten Modell, dass alle Menschen gleich sind, kommen wir doch allmählich weg.

Welche großen Ziele gibt es noch?
Unter anderem wollen wir, dass die Arzneimittel, die auf dem Markt sind, in Bezug auf Geschlechterunterschiede in der Wirkung charakterisiert werden. Die Schweden haben eine Datenbank angelegt, in der all diese Informationen gesammelt werden. Bei einem Viertel aller Substanzen findet man signifikante Unterschiede, was Dosierung oder Wirkung angeht. Bei vielen weiß man es aber gar nicht.

Das scheint also noch ein weiter Weg zu sein.
Ja. In der schwedischen Datenbank sind erst ein paar hundert Medikamente erfasst. Zum Vergleich: In Deutschland sind über 100.000 zugelassen.

 

 

Der große Unterschied

Der viel zitierte kleine Unterschied zwischen Frauen und Männern ist viel größer als gedacht – das zeigt der aktuelle DAK-Gesundheitsreport

Psyche

Frauen haben zwei Drittel mehr Fehltage im Job wegen psychischer Erkrankungen als Männer.

 

Brustkrebs

Frauen und Männer haben das gleiche Risiko, an Krebs zu erkranken (13 %). Aber: Frauen trifft es meist früher, Brustkrebs tritt am häufigsten auf.

 

Nachwuchs

Schwangerschaftskomplikationen machen beim Krankenstand zwölf Prozent des Unterschiedes zu den Männern aus.

 

Präsentismus

Wenn sie krank sind, gehen Frauen trotzdem häufig zur Arbeit (+12 %). Sie haben oft ein schlechtes Gewissen, wenn sie fehlen.

 

Krank zu Hause

1,6 Tage im Jahr fehlt jede Frau im Schnitt wegen Krankheit im Job. Aber: Ihre Krankschreibungen sind meist kürzer.

 

Arzneimittel

Frauen nehmen häufiger Psychopharmaka ein als Männer. Jede elfte Frau bekommt z. B. eine Verordnung für Antidepressiva, aber nur jeder 20. Mann.

Beim Arzt

Männer gehen nur 4,2 Mal im Jahr zum Arzt. Frauen dagegen suchen sieben Mal eine Praxis auf.

 

Verletzungen

Männer haben doppelt so viele Ausfalltage wegen Verletzungen wie Frauen (+48 %). Gründe: höhere Risikobereitschaft und andere Tätigkeiten im Job.

 

Herz-Kreislauf

Herzinfarkt & Co. treffen Männer häufiger und früher als Frauen: Zwischen 45 und 64 Jahren erkrankt fast jeder Zehnte daran.

 

Prostatakrebs

Krebs trifft Männer meist im höheren Alter – ab etwa 60 Jahren. Prostatakrebs ist am weitesten verbreitet. Danach folgen Lungen- und Darmkrebs.

 

Krank zu Hause

1,4 Tage im Jahr fehlt jeder Mann im Schnitt wegen Krankheit im Job. Mehr als die Hälfte der Männer meldet sich gar nicht krank.

 

Arzneimittel

Männer schlucken weniger Medikamente als Frauen. Auf Platz eins liegen Antibiotika. Jeder vierte Mann bekommt dafür eine Verordnung.
Schon gewusst?

Frauenherzen sind gesünder

 

Männer sind in Deutschland stärker von Herzproblemen betroffen als Frauen. Berufstätige Männer haben 55 Prozent mehr Fehltage wegen Herzinfarkt, Schlaganfall und anderer Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Frauen.

Eine Ursache ist der Lebensstil der Männer: Eine bundesweite Forsa-Befragung im Auftrag der DAK-Gesundheit von mehr als 3.000 Männern und Frauen zwischen 25 und 39 Jahren hat ergeben, dass die Mehrheit der Männer (63 Prozent) isst, was schmeckt, egal wie fettig oder salzig. Dazu kommen Alkohol, Tabak, wenig Bewegung, Übergewicht – alles Faktoren, die die Herzgesundheit beeinflussen können.

Frauen schneiden bei Ernährung und Alkohol wesentlich besser ab. Nur jede zweite Frau isst sorglos fettes Essen (48 Prozent) und nur ein Drittel trinkt regelmäßig Alkohol (33 Prozent). So wundert es nicht, dass Frauen auch von Herz-Kreislauf-Erkrankungen seltener betroffen sind als Männer.