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Gesund leben

Essen gegen Krankheiten: Demenz

Schlüssel vergessen, Portemonnaie verlegt und wie hieß der neue Nachbar noch gleich? Manche Dinge entfallen uns eben. Doch handelt es sich dabei um harmlose Vergesslichkeit oder bereits um ein ernsthaftes Krankheitssyndrom namens Demenz? Hier erfahren Sie, woran Sie den Unterschied erkennen und wie Sie dem Gedächtnisschwund durch die richtige Ernährung entgegenwirken.

Erinnern, Denken, Lernen, räumliche und zeitliche Orientierung sowie Sprechen und Koordination – das Gehirn steuert unzählige Abläufe im Körper. Ebenso vielfältig sind die Probleme, die mit dem Verlust der geistigen Funktionen einhergehen. Die Demenz beeinträchtigt oft mehrere dieser Funktionen. In Deutschland leben circa 1,5 Millionen Menschen mit einer solchen Erkrankung, jährlich kommen rund 40.000 Diagnosen hinzu.

Zwei Drittel der Betroffenen leiden an Alzheimer
„Die häufigste demenzielle Erkrankung ist die Alzheimer-Demenz. An ihr leiden rund 60 bis 80 Prozent der Betroffenen“, erklärt Dr. Matthias Riedl, Facharzt für Innere Medizin und Ernährungsmedizin. Obwohl sie bereits vor über 100 Jahren von Alois Alzheimer entdeckt wurde, sind die Ursachen für die Krankheit bis heute nicht geklärt. Forscher haben jedoch herausgefunden, dass bei an Alzheimer erkrankten Menschen die Nervenzellen im Gehirn absterben – vor allem jene, die den Botenstoff „Acetylcholin“ herstellen. Das ist eine der Ursachen für viele Störungen, die die Alzheimer-Demenz hervorruft: Acetylcholin ist ein wichtiger Botenstoff, der an dem Entstehen von Erinnerungen, Denk- und Lernvorgängen, aber auch an der Orientierung beteiligt ist.

Darum sterben die Nervenzellen ab
Eine weitere Ursache ist, dass sich Eiweißstoffe im Gehirn ablagern. Dieser sogenannte Amyloid-Plaque ist eine charakteristische Veränderung des Gehirns bei Alzheimer. Bei vielen Betroffenen lagern sich diese Eiweißstoffe auch innerhalb der Blutgefäße ab. Dann spricht man von einer sogenannten „vaskulären Demenz“. Dadurch kommt es zu einer schlechteren Durchblutung und dem allmählichen Absterben der Nervenzellen. Eine solche Durchblutungsstörung kann außerdem Schlaganfälle auslösen. Rund 15 Prozent der Demenzkranken leiden an einer Mischform aus Alzheimer und vaskulärer Demenz, bei weiteren 15 Prozent lagern sich die Amyloid-Plaques ausschließlich innerhalb der Gefäße ab.

Die gute Nachricht: Nicht jede Erinnerungslücke bedeutet Demenz
Vergesslichkeit muss nicht zwingend den langsamen Verlust des Gedächtnisses bedeuten: Im Alltag ist es vollkommen normal, Dinge zu vergessen. Dieser Mechanismus ist sogar sehr wichtig, weil er das Gehirn vor Überlastung schützt. Niemand kann alle Reize und Informationen aus der Umgebung aufnehmen. In Sekundenbruchteilen entscheidet der Kopf, was wichtig ist, und was nicht. Das ist auch der Grund, warum man in stressigen Zeiten mehr Dinge „verschusselt“ als sonst: Die Reizfrequenz ist in solchen Phasen noch höher und das Gehirn muss sich noch stärker schützen. Dann wird nur gespeichert, was wirklich wichtig ist. Derselbe Effekt tritt übrigens ein, wenn traumatische Erlebnisse verarbeitet werden müssen oder jemand an einer akuten Depression leidet. Solche Phasen dauern in der Regel nicht länger als einige Monate an. Um eine demenzielle Erkrankung zu diagnostizieren, müssen die Symptome daher mindestens sechs Monate lang kontinuierlich bestehen.

Bei Stress oder Depression ist vor allem das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Spätestens jedoch, wenn Menschen der Name ihres Ehepartners oder das eigene Geburtsdatum – Informationen, die im Langzeitgedächtnis gespeichert sind – nicht mehr einfallen, sollte ein Arzt aufgesucht werden.

 

Die Symptome der Demenz
Woran kann man aber erkennen, ob eine demenzielle Erkrankung vorliegt, oder nicht? Dadurch, dass bei verschiedenen Demenzformen unterschiedliche Gehirnareale betroffen sind, gibt es keine einheitlichen Symptome. Es gibt jedoch wiederkehrende Muster, die auf eine Erkrankung hindeuten:

Betroffene
  • vergessen immer wieder Dinge oder verlegen Gegenstände und finden sie später an völlig ungewöhnlichen Orten wieder – zum Beispiel das Portemonnaie im Kühlschrank
  • finden sich auch in ihrer gewohnten Umgebung zunehmend schlechter zurecht und/oder sind zeitlich nicht orientiert
  • haben Schwierigkeiten beim Lesen und Verstehen von Texten und/oder können sich am Ende nicht mehr an den Textanfang erinnern
  • haben Probleme beim Sprechen, finden die richtigen Worte nicht oder können sich nicht klar artikulieren
  • leiden an einer schwindenden Fähigkeit, Rechenaufgaben oder Probleme zu lösen und/oder Entscheidungen zu treffen
  • können ihre Bewegungen zunehmend schlechter koordinieren
  • leiden an anhaltender Unruhe und/oder Müdigkeit
  • möchten immer weniger unternehmen und/oder fühlen sich schnell überfordert
  • entwickeln Persönlichkeitsveränderungen, Stimmungsschwankungen und/oder verhalten sich plötzlich aggressiv
  • leiden an Halluzinationen und/oder Wahnvorstellungen

 

Was hat das alles mit Ernährung zu tun?

Über Demenz ist noch vieles unklar. Ärzte und Wissenschaftler haben jedoch inzwischen einige Faktoren identifiziert, die das Risiko, an Demenz zu erkranken, erhöhen. Neben langanhaltendem Stress, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie starken Kopfverletzungen machen sich vor allem das metabolische Syndrom, freie Radikale und chronische Entzündungen im Gehirn bemerkbar.

Das metabolische Syndrom ist eine Kombination aus Bluthochdruck, Übergewicht bzw. Fettleibigkeit, Diabetes und einem gestörten Fettstoffwechsel – Faktoren, denen man durch eine angepasste Ernährung entgegenwirken kann. So können akute Krankheitsbilder bekämpft und langfristig Gehirnschutz betrieben werden. Um aktive Demenzprävention zu betreiben, muss man jedoch nicht erst von einer Vorerkrankung betroffen sein. Im Interview erklärt Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl, bekannt aus der NDR-Reihe „Die Ernährungs-Docs“, worauf es ankommt:

 

Im Interview

Dr. Matthias Riedl

In Zusammenhang mit Risikofaktoren für Demenz wird häufig von freien Radikalen und oxidativem Stress gesprochen. Was hat es damit auf sich?
Im Körper laufen ständig unzählige chemische Reaktionen ab. Freie Radikale sind Moleküle, die während des Stoffwechsels entstehen. Ihnen fehlt – im Gegensatz zu anderen Molekülen – ein Elektron. Das macht sie besonders reaktiv: Sie „stehlen“ ihr fehlendes Elektron von anderen Molekülen und verwandeln sie so ebenfalls in freie Radikale. Der Prozess, bei dem die Elektronen ausgetauscht werden, heißt Oxidation. Werden nun besonders viele Elektronen abgegeben, steigt die Zahl der freien Radikale. Dann besteht die Gefahr, dass unter anderem Nervenzellen geschädigt werden. Der Körper schützt sich vor diesen Stoffen, indem er Antioxidantien einsetzt: Hierbei handelt es sich um Radikalfänger, die mit den freien Radikalen reagieren und so den Körper und seine wichtigen Moleküle vor Oxidation schützen. Befinden sich jedoch plötzlich zu viele freie Radikale im Körper, entsteht oxidativer Stress.

Wie kann man oxidativem Stress entgegenwirken?
Um den Körper vor freien Radikalen zu schützen, sind Antioxidantien nötig. Dazu zählen Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe, die mit der Nahrung aufgenommen werden müssen. Besonders reichhaltig an Antioxidantien sind Gemüse und Obst, grüne Salatsorten, frische Kräuter, Ölsaaten und Nüsse sowie hochwertige Öle – beispielsweise Olivenöl und Rapsöl sowie Lein- und Walnussöl.

Welche Antioxidantien gibt es?
Wichtige Antioxiantien sind vor allem Vitamin C, E und D und der orangefarbene Farbstoff Betacarotin. Gute Quellen für antioxidativ wirkende sekundäre Stoffe sind vor allem Obst und Gemüse. Vollkornprodukte wie Vollkornbrot und Haferflocken enthalten das wichtige Spurenelement Zink. Zudem hat die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren entzündungshemmende Eigenschaften und soll die Regeneration und Entwicklung von Nervenzellen begünstigen. Deshalb gehört auch Fisch zu den antioxidativ wirkenden Lebensmitteln. Es wird empfohlen, ein bis zwei Mal pro Woche Fisch zu essen. Aber auch ausgewählte Öle, beispielsweise Leinöl, Raps- und Walnussöl, haben einen hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. Ist bereits eine demenzielle Erkrankung ausgebrochen, kommt es zu einem nachlassenden Geschmacksvermögen. Dann ist es sinnvoll, bei der Zubereitung von Mahlzeiten zusätzlich mit frischen Kräutern zu arbeiten, um Betroffenen eine Verbesserung der Lebensqualität zu ermöglichen.

Wer kann durch gezielte Ernährung gegen die Demenz vorgehen: der bereits Erkrankte oder der Gesunde zur Prävention?
Kurzgesagt: beide. Seitens der Ernährung ist es wichtig, den Körper mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen zu versorgen, um die Gesundheit der Nerven zu stärken. Dabei scheinen auch die sekundären Pflanzenstoffe von Knoblauch und Zitrusfrüchten zu wirken, ebenso wie Olivenöl und viel Omega-3-Fettsäuren in Fischöl und Nüssen. Weitere Elemente zur Prävention sind geistige Tätigkeiten, die das Gehirn fordern, bis zu fünf Stunden Sport pro Woche sowie soziale Kontakte.

Kann man eine bereits ausgebrochene Demenz durch gezielte Ernährungsanpassung behandeln oder gar heilen?
Der Betroffene sollte verstärkt darauf achten, Lebensmittel zu wählen, die reichhaltig an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sind. Diese Nährstoffe wirken schützend, jedoch kann eine Demenz bisher weder durch Ernährung noch durch Medikamente geheilt werden.

 

Julia Meier