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Laut und leise: So unterschiedlich sind Kollegen

Achtung, hier komm‘ ich! Meist dominieren extrovertierte Menschen die Arbeitswelt, die introvertierten kommen zu kurz. Doch ein funktionierendes Team braucht ebenso einen Ruhepol. Erfahren Sie hier, warum es auch auf die leisen Kollegen ankommt.

Großraumbüros sind ihnen ein Gräuel. In Meetings ergreifen sie selten das Wort, sie hören einfach nur zu. Auf Betriebsfeiern nippen sie zurückhaltend am Getränk, am liebsten blieben sie ihnen ganz fern. Konflikte und offene Auseinandersetzungen mögen sie nicht. Die „Intros“, die Introvertierten, sind still, leise, bescheiden.

Als „nach innen gerichtet“ hat der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung den Begriff „introvertiert“ in den 1920er-Jahren definiert. Er beschrieb damit Menschen, die vor allem in ihrer Gefühls- und Gedankenwelt leben, die neue Energie und Entspannung eher aus dem Alleinsein ziehen als aus dem Austausch.

Ganz anders die „Extros“, die Extrovertierten. Sie führen das Wort, sei es auf Konferenzen oder beim Brainstorming mit Kollegen. Selbstzweifel sind ihnen fremd, sie sind selbstbewusst, schlagfertig, laut, auch begeisterungsfähig. Sie suchen den Kontakt, brauchen Anregungen von außen, um Kraft zu gewinnen.

Übergänge sind fließend
Allerdings: Die Grenzen zwischen den „Extros“ und „Intros“ sind fließend, zwischen den Extremen existieren viele Mischungen. Deren Anteile ändern sich im Laufe des Lebens und der jeweiligen Kultur. Während in Japan das zurückhaltende Auftreten geschätzt wird, ist dies in den USA ganz anders.

Auch bei uns gilt: Wer schnell und laut spricht, wer sich gut darstellen kann, wird oft als kompetenter, durchsetzungsstärker und erfolgreicher empfunden – und hat bessere Chancen im Job. Für „Intros“ sind meist schon Bewerbungsgespräche eine schwer zu nehmende Hürde. „Viele denken, sie müssten sich als Hauptgewinn verkaufen, um einen Arbeitgeber zu beeindrucken. Dabei fühlen sie sich natürlich nicht wohl, sie wirken bemüht – es ist überhaupt nicht ihr Ding“, sagt Buchautorin Dr. Sylvia Löhken („Leise Menschen – starke Wirkung“).

 

 

Stärken identifizieren
Tatsächlich machen ihre Stärken die Stillen zu unverzichtbaren Mitarbeitern. Es kommt nur darauf an, sie zu erkennen und richtig einzusetzen. Beharrlichkeit, Sorgfalt und Einfühlungsvermögen gehören zu ihren zentralen Fähigkeiten. Sie sind weniger risikobereit als die Extros, durchdenken ein Thema gerne bis zu Ende und vertreten oft auch eine unabhängige Meinung. Besonders kommunikativ sind sie jedoch nicht: Statt zum Telefonhörer zu greifen, schreiben sie lieber eine Mail, denn diese verlangt keine Spontaneität.

Berufe, in denen es auf die Präsentation und das Verkaufen ankommt, sind deshalb weniger ihr Ding. Schon eher Bereiche, in denen sorgfältiges Nachdenken gefragt ist. Die „Intros“ gelten auch als gute Chefs, sofern der Kontext passt. Durch ihre Neigung zum Zuhören und ihr mangelndes Interesse an sozialer Dominanz nehmen sie Vorschläge ihrer Mitarbeiter eher wahr und setzen sie um. Sie gestehen ihnen auch mehr Eigenverantwortlichkeit zu als die „Extros“, die selbst gerne im Rampenlicht stehen. In Teams jedoch, in denen das schnelle, effektive Folgen von Anordnungen zentral ist, gewinnen die Extro- Vorgesetzten.

Der Mix macht‘s
Unternehmen sollten deshalb genau überlegen, wer in welchen Bereichen arbeitet – wie so oft geht es um die richtige Mischung, um die Balance. Für komplexe Aufgaben sind divers aufgestellte Teams meist die richtige Antwort. Sie handeln vielseitiger, kreativer und wendiger.

Allerdings sind die Spannungen zwischen den beiden Gruppen nicht zu unterschätzen. Stille Menschen empfinden die Lauten oft als Zumutung, umgekehrt halten die Extrovertierten die „Intros“ für notorische Bedenkenträger.

Aufgabe des Teamleiters ist es, dafür zu sorgen, dass die Stärken des jeweiligen Temperaments zur Geltung kommen. Die Gruppenmitglieder sollten einander in ihrer Unterschiedlichkeit verstehen, die Vorzüge des anderen wahrnehmen und davon profitieren. Geschieht dies, sind „laut“ und „leise“ eine starke Kombination.

Rainer Busch

Schon gewusst?

  • Die zahlenmäßige Verteilung der beiden Gruppen in der Bevölkerung ist in etwa gleich.
  • Welche Prägung eine Person hat, ist nach bisherigen Erkenntnissen angeboren. Aber auch das Umfeld spielt eine große Rolle. Etwa die Hälfte der Prägung ist der Umgebung geschuldet.
  • Von Bedeutung sind auch unterschiedliche Botenstoffe im Gehirn. „Extros“ verfügen über mehr Dopamin, einen Belohnungsstoff. Bei Introvertierten bestimmt der Neurotransmitter Acetylcholin das Temperament.
  • Introvertiertheit ist nicht mit Schüchternheit zu verwechseln. Wer schüchtern ist, hat Angst, vor seinen Mitmenschen zu scheitern; hierbei geht es um eine Verhaltensweise, nicht um einen Charakterzug.
  • Ein Intro, der aus einer Arbeit herausgerissen wird, braucht im Schnitt 20 Minuten, bis er zu seiner Konzentration zurückfindet.
  • Unternehmen tun gut daran, sich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse einzustellen, etwa durch die Schaffung von Rückzugsmöglichkeiten. Denn „Intros“ sind produktiver, wenn sie in Ruhe arbeiten können.