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Leben mit dem Risiko

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Mit dem Coronavirus infizieren kann sich jeder. Doch nicht jeder erkrankt dann auch an der Lungenkrankheit Covid-19. Schwere Verläufe sind sogar relativ selten. Bei einigen Gruppen besteht allerdings ein höheres Risiko. Wie ist das, wenn man dazugehört? Wir haben mit einem Ehepaar mit Diabetes Typ 1 und einer Rheumapatientin gesprochen.

„Ich hatte wirklich Glück“, sagt Reiner Zey. Noch am 12. März konnte der 57-Jährige aus Ginsheim-Gustavsburg (Hessen) einen geplanten Eingriff durchführen lassen: Ihm wurde ein neues Kniegelenk eingesetzt. „Fünf Tage später wurde die Klinik geschlossen – wegen Corona.“ Zey macht nun eine ambulante Reha, mindestens acht Wochen kann er nicht arbeiten. Die Frage, ob und wie er sich im Job vor einer Infektion schützen müsste, stellt sich somit nicht. Ohne die OP könnte das durchaus Thema sein, denn bei ihm wurde vor fünf Jahren Diabetes Typ 1 diagnostiziert.

Körper aus der Balance

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag: Covid-19 kann nicht nur für sehr alte Menschen zur ernsten Bedrohung werden. Unter anderem erhöht Diabetes das Risiko für einen schweren Verlauf, das hat die Auswertung von Daten aus China und Italien ergeben. Allerdings gelten laut der Deutschen Diabetes-Hilfe vor allem Menschen mit schlecht eingestelltem Blutzucker als gefährdet, besonders Patienten mit Folgekrankheiten wie einem Herzinfarkt. Ein derart aus der Balance geratener Körper kann schlechter mit dem Virus umgehen als der von Gesunden. Das Gleiche gilt etwa für Krebspatienten in der Chemo- oder Strahlentherapie oder für Menschen, die nach einer Transplantation Medikamente gegen eine Abstoßung des neuen Organs einnehmen (siehe auch „Wer gehört zur Risikogruppe?“).

Quarantäne – ja oder nein?

Reiner Zey und seine Frau Christiane Jung (52), die ebenfalls an Diabetes Typ 1 erkrankt ist, gehen recht entspannt mit ihrem Corona-Risiko um. „Schließlich sind unsere Werte weitestgehend gut.“ Christiane Jung arbeitet wie sonst auch. Ihre Tätigkeit bei einem Pharmakonzern wäre auch nicht für das Homeoffice tauglich. „Unser Arbeitgeber hat aber straffe Maßnahmen entschieden, um das Risiko zu senken.“ Einen Mundschutz trägt sie bislang nicht. Sich womöglich über Monate „wegzuschließen“ – die Vorstellung widerstrebt der DAK-Versicherten: „Ich brauche die Kontakte und die Struktur, die meine Arbeit mit sich bringt.“

Mit der Angst umgehen

Für einen anderen Weg hat sich Silvia Stamer (49, Name geändert) entschieden. Die Gymnasiallehrerin aus Karlsruhe leidet seit über 30 Jahren an rheumatoider Arthritis, die mit Kortison therapiert wird. Dadurch ist sie zwar schmerzfrei, hat aber ein erhöhtes Risiko für Covid-19, weil das Medikament das Immunsystem dämpft. Bereits eine Woche vor den Schulschließungen hat sie sich vom Dienst freistellen lassen. Zu tun hat sie dennoch genug: „Ich mache zweimal Home-Schooling: mit meinen Schülern und mit meinen Kindern.“

Besonders in der ersten Woche sei ihre Angst, zu erkranken, sehr groß gewesen, erzählt sie: „Ich habe die Bilder aus Italien gesehen und immer nur gedacht, dass ich so nicht sterben möchte.“ Ihr Mann ging zeitgleich mit ihr ins Homeoffice und erledigt alle Einkäufe für die Familie. „Bei gutem Wetter kann ich es zu Hause und im Garten sehr gut aushalten“, sagt Silvia Stamer. Sie ist ruhiger geworden: „Ich glaube jetzt nicht mehr, dass es mich bei einer Infektion auf jeden Fall schlimm treffen würde. Es hilft mir, dass ich selbst dazu beitragen kann, die Gefahr zu verringern.“ Die vielen kleinen Radtouren, die die Familie jetzt macht, genießt sie sehr. Wie alles werden soll, wenn ihre Kinder nach Öffnung der Schulen wieder ihr normales Leben aufnehmen, weiß sie noch nicht. Doch dass sie die beiden sorglos in die Arme schließen und kuscheln werde, sei unwahrscheinlich: „Solange es keinen Impfstoff gibt, würde ich wohl etwas Abstand halten, und es dürfte auch nicht so viel Besuch kommen wie früher.“

Leben nach den Regeln

Auch Christiane Jung haben die schlimmen Bilder aus Italien sehr mitgenommen. Dennoch sieht sie Corona für sich eher als „theoretisches Problem“ an: „Ich fühle mich stabil. Wenn es mich trifft, kann ich es eh nicht ändern.“ Lieber befasst sie sich mit guten Nachrichten, etwa der Erholung der Umwelt durch den Lockdown: kristallklarem Wasser in Venedigs Kanälen und Delfinen in Häfen. „Vielleicht gelingt es ja, aus dieser Zeit positive Impulse mitzunehmen.“

Wie sie hat auch ihr Mann einen eher abgeklärten Blick darauf, dass er zur Risikogruppe zählt: „Im Grunde ist das wie damals bei der Diabetes-Diagnose“, sagt Reiner Zey. „Andere Leute reagieren mit ‚Du Armer!‘, aber ich empfinde das gar nicht so. Ich lebe einfach damit.“ Das Paar geht weiter selbst in den Supermarkt und kauft auch für den 85-jährigen Vater von Reiner Zey ein. Abstands- und Hygieneregeln sind beiden wichtig. Ihre erwachsenen Söhne haben die geselligen Fasching-Fans länger nicht mehr gesehen, das jährliche Karfreitags-Angrillen mit Freunden entfiel ebenso wie aufschiebbare Arzt- und Fußpflegetermine. Nach seiner Reha möchte Reiner Zey unbedingt wieder in der Natur Sport treiben: „Wir wohnen direkt am Rhein, da kann man schön am Wasser entlanglaufen.“

Bildquelle: privat

Annemarie Lüning

 

Coronavirus: Wer gehört zur Risikogruppe?

Nach einer Infektion mit dem Coronavirus kann Covid-19 sehr gefährlich werden. Unter normalen Umständen stehen die Chancen zwar gut, dass man nach einem leichten Verlauf der Krankheit wieder gesund wird. Einige Gruppen tragen aber ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf:

  • Ältere
    Ab etwa 50 bis 60 Jahren steigt das Risiko stetig, 86 Prozent der in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen waren 70 Jahre alt oder älter.
  • Raucher
  • Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Dazu gehören:
    • Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie koronare Herzerkrankung oder Bluthochdruck
    • chronische Lungenerkrankungen wie COPD
    • chronische Lebererkrankungen
    • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
    • Krebserkrankungen
    • ein geschwächtes Immunsystem, zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung, die mit einer Immunschwäche einhergeht, oder durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten, die die Immunabwehr beeinflussen und herabsetzen können, wie etwa Cortison

Quelle: Robert Koch-Institut

Gut zu wissen: die Corona-Warn-App

Die Corona-Warn-App ist seit dem 16. Juni in den App-Stores erhältlich. Sie ist ein weiteres Instrument im Kampf gegen das Virus: Sie kann dazu beitragen, Infektionsketten frühzeitig zu erkennen und so eine Ausbreitung vermeiden. Haben Sie sich beispielsweise in der Nähe eines Infizierten aufgehalten, informiert Sie die App darüber. Je mehr Bürgerinnen und Bürger die Warn-App nutzen, desto wirksamer ist sie. Der Download ist freiwillig. Alles, was Sie wissen müssen, finden Sie auf der Website der Bundesregierung.