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Beruf & Bildung

Rolle rückwärts

Die Coronakrise trifft Frauen doppelt: Häufig übernehmen sie die Betreuung der Kinder und geraten beruflich ins Hintertreffen. Was wir für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf lernen können. 

Eine Situation im Februar 2021: Carolin H., 45 Jahre, schmerzt der Rücken. Die Beschäftigte einer PR-Abteilung arbeitet seit Wochen überwiegend im Homeoffice. Zoomkonferenz reiht sich an Zoommeeting. Ihre Zwillinge, Anna und Klara, 13 Jahre, fragen, wie die Matheaufgaben zu lösen seien. Der Konferenzbeginn rückt indes näher, sie versucht sich zu konzentrieren. Seit Wochen jongliert sie wieder zeitgleich Job und Familie allein, denn ihr Partner muss am Arbeitsplatz präsent sein. 

Parallel: Job und Kinder

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Viele Beschäftigte erlebten in den vergangenen Monaten einen Wechsel von Präsenz- und Lockdownphasen, in denen überwiegend von zu Hause aus gearbeitet wurde. Für Familien eine Herausforderung und für Frauen wie Carolin H. ganz besonders, denn Schul- und Kitaschließungen bescherten ihnen vermehrt traditionelle Aufgaben – parallel zum Job. Nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung, bei der im Mai vergangenen Jahres 7.677 Erwerbstätige in einer Online-Befragung interviewt wurden*, leisten hauptsächlich Frauen die Mehrarbeit an Kinderbetreuung und reduzieren ihre Erwerbsarbeit.

* Der Online-Befragung zufolge haben in Haushalten mit mindestens einem Kind unter 14 Jahren 27 Prozent der Frauen und lediglich 16 Prozent der Männer ihre Arbeitszeit zur Betreuung der Kinder reduziert. Die Wissenschaftlerinnen der Studie halten auf lange Sicht drastische Negativfolgen für das Erwerbseinkommen der Frauen für möglich. In Haushalten mit geringem monatlichem Haushaltseinkommen (unter 2.000 Euro) reduzierten die Frauen sogar um 31 Prozent ihre Arbeitszeit. https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-ruckschritt-durch-corona-23586.htm

„Die Corona-Pandemie wirft uns drei Jahrzehnte in der Geschlechterordnung zurück.“

Prof. Dr. h. c. Jutta Allmendinger, Ph. D.

Jahrzehnte zurückgeworfen   

Früh warnte die Soziologin Jutta Allmendinger: „Die Corona-Pandemie wirft uns drei Jahrzehnte in der Geschlechterordnung zurück.“ Sie prophezeite, dass Frauen nach Teilzeit- und Lockdownphasen schlechter in den Arbeitsmarkt zurückfänden als Männer und durch die Doppelbelastung auch größerem Stress ausgesetzt seien. So verlören sie Lebens- und Karriereoptionen auf sogenannten „Mummy tracks“: Mutterpfaden. Carolin H. resümiert: „Bei mir in der Firma gibt es in der Coronakrise jene ohne Kinder, die jetzt nach vorne preschen, und andere mit Kindern, von denen es heißt, auf die kannst du jetzt nicht zählen.“

Belastete Psyche 

Ersatzlehrerin, Köchin und dabei im Job performen: Das kann Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Laut Psychreport der DAK-Gesundheit gab es noch nie so viele Ausfalltage im Job wegen psychischer Erkrankungen wie im Corona-Jahr 2020. Mit rund 265 Fehltagen je 100 Versicherte erreichten sie einen neuen Höchststand. Im Vergleich zu 2010 bedeutet dies eine Zunahme um 56 Prozent. Auffällig ist, dass der Anstieg im vergangenen Jahr bei den Erwerbstätigen vor allem Frauen betraf. 

Familienfreundlich arbeiten

Viele Unternehmen begriffen, wie entscheidend es ist, familienfreundlicher zu agieren und auf veränderte Bedürfnisse einzugehen. Was können wir für die Zukunft von ihnen lernen? Vor allem die Flexibilisierung von Arbeitszeiten hilft. So wurde in vielen deutschen Betrieben in der Pandemie auf feste Kernarbeitszeiten verzichtet und Eltern erlaubt, früh oder auch spät zu arbeiten, um das Homeschooling neben dem Job zu stemmen.

Flexible Lösungen 

So geschah es etwa bei einem Münchner Consulting und Software Unternehmen. Hier verwaltete das Personalbüro zusätzlich einen Stundenpool, über den Mitarbeitende Stunden spenden und familiär eingespannte Beschäftigte unterstützen konnten. Zusätzlich hilft dort ein externes Lebenslagen-Coaching, Lösungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu finden. „Bei Engpässen sind Kids bei uns im Büro willkommen“, heißt es aus dem Unternehmen. Dafür wurde ein Arbeitsplatz mit Spielecke gestaltet. Auch bei einem der führenden Hersteller von Industrie Klebstoffen wurden Kernarbeitszeiten in der Pandemie aufgelöst, der Arbeitszeitrahmen ausgedehnt und die erlaubten Minusstunden erhöht. Mit der Aktion „Eltern Zeit schenken“ wurde auch hier die Möglichkeit geschaffen, Kolleginnen und Kollegen mit Stunden von einem Gleitzeitkonto unter die Arme zu greifen. „Wir denken darüber nach, das Konto nach Corona fortzuführen, weil es eine einfache und passende Lösung ist, Eltern bei der Vereinbarkeit zu unterstützen“, heißt es.

Dass angstfreie Kommunikation mit Führungskräften hilft, Lösungen zu finden, hat die Geschäftsführung eines Anbieters für Minimalschuhe in Nordrhein-Westfalen erkannt. Hier kämpft man dafür, dass Elternschaft kein Nachteil wird. Im internen Firmenchat wurde sogar ein Icon eingeführt, das anzeigt, wenn ein Mitarbeitender versucht, Familie und Arbeit zu balancieren. Nachsicht ist geboten, wenn er oder sie nicht umgehend antwortet. Corona hat eine überfällige Diskussion über Vereinbarkeit angestoßen.

Mütter und Karriere  

Aber wo bleibt die weibliche Karriere? Könnte es im Rückblick auf die Corona-Jahre heißen, unsere weiblichen Führungskräfte haben wir durch die Pandemie verloren, sie sind aus der Karriere ausgestiegen? Per Zoom-Technologie versuchen Großunternehmen gegenzusteuern. So wurde etwa eine Weinkiste an weibliche Talente verschickt und über den Dienst Zoom ein Weintasting veranstaltet. Virtuelle Zusammenkünfte könnten Frauen auch andernorts beim Netzwerken dienen. 

Für das Gros der Mütter bleibt es schlichtweg ein Balanceakt, nicht auszubrennen und den Aufstieg im Blick zu behalten. Carolin H. sitzen die letzten Monate noch im Nacken – sie hat deshalb nun eine Rückenschule und einen Englischkurs gebucht, ihr Mann kümmert sich in der Zeit um Töchter und Haushalt. Die Familie hofft, dass keine weitere Pandemiewelle mit Lockdown ihren Alltag auf den Kopf stellen wird.

Dr. Stefanie Maeck

Zusatzwissen

Die DAK-Gesundheit unterstützt Familien mit kostenfreien Online-Seminaren dabei, Familie und Beruf zu vereinen. Unabhängig von der Kassenzugehörigkeit können Sie jederzeit die Videos anschauen sowie die Handouts downloaden unter: www.dak.de/online-seminare-familie

Folgende Videos stehen für Sie bereit:
  • Corona: Eine Zerreißprobe für die Familien. Was Eltern jetzt mental stark macht.
  • Medienerziehung und Stärkung der digitalen Balance. Wie ein gesunder Medienumgang für Kinder und Jugendliche möglich ist.
  • Erste Hilfe am Kind – praktische Tipps für Eltern.
Digitales BGM-Angebot:

Der Online-Vortrag Lifebalance im Homeoffice bietet Impulse, wie die neue Arbeitsumgebung zur Chance für eine ausgewogene Work-Life-Balance werden kann. Die Anmeldung läuft online unter: www.dak.de/digitalesBGM

Exklusive Workshops können Sie bei unserer BGM-Hotline 040 325 325 720 buchen.