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Professionell arbeiten

Stütze für Beschäftigte in Pflegesituationen

Über die gesetzlichen Pflichten hinaus können Unternehmen vieles tun, um die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu verbessern. Das zeigt das Beispiel Hella.

Natürlich, ein plötzlich eintretender Pflegefall ist immer eine Krise. Aber die Auswirkungen dieser Krise lassen sich gestalten, man kann sie beeinflussen. „Wir waren oft in Situationen, in denen wir gedacht haben: Mensch, wenn wir früher eingebunden gewesen wären, dann hätten wir helfen können“, sagt Marion Stijohann, Leiterin der betrieblichen Mitarbeiterberatung und des Gesundheitsmanagements bei Hella.

In der Krise nicht allein

Nicht warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern rechtzeitig zu handeln, sich vorzubereiten, das war einer der Gründe für die Etablierung des Hella Eldercare Programms im Sommer 2016. Ein anderer: Das börsennotierte, global aufgestellte Familienunternehmen mit Sitz im westfälischen Lippstadt, das für die Automobilindustrie Produkte für Lichttechnik und Elektronik produziert und eine der größten Handelsorganisationen für Kfz­Teile in Europa ist, beschäftigt rund 10.000 Mitarbeiter in Deutschland – und immer mehr von ihnen sind mit der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege konfrontiert.

„Im Pflegefall haben Angehörige oftmals 1.000 Fragen, viele Sorgen und stehen in der Regel sehr unter Druck“, erzählt Marion Stijohann. Um ihnen diese zu nehmen und schnell helfen zu können, kooperiert Hella mit einem externen Partner, der zum Beispiel bundesweit eine Tages­ oder Übergangspflege organisiert oder bei der Beantragung von Leistungen unterstützt. Über die Hella-­Pflegehotline stehen rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr Pflegeexperten als Ansprechpartner zur Verfügung.

Weitere Säulen des Programms sind regelmäßige Pflegesprechstunden in den verschiedenen Unternehmensstandorten sowie die Durchführung von Pflegekursen zu allen relevanten Themen. „Oft sehen die Leute den Beratungsbedarf erst in der Krise. Doch viele wissen, dass sie das Thema in den nächsten Jahren selbst treffen kann. Da macht es Sinn, sich frühzeitig zu informieren“, sagt Marion Stijohann. Zudem versucht das Unternehmen im Rahmen der betrieblichen Belange individuelle Lösungen zu finden. Auf Wunsch werden bundesweit in der häuslichen Umgebung des zu Pflegenden zeitnah Beratungstermine angeboten. Welche Lösungen gibt es vor Ort? Kann der Mitarbeiter aussteigen für gewisse Zeit? „Dieses Bemühen, Lösungen zu finden, wird sehr wertgeschätzt.“

Positive Resonanz

Über das ­Onlineportal im Intranet können Interessierte Informationen abrufen, sich zu den Sprechstunden anmelden. Marion Stijohann und ihr Team nutzen alle Infokanäle, um das Programm im Unternehmen bekannt zu machen. Dazu zählt auch das Verteilen von Flyern an einem Aktionstag vor der Kantine. „Die Azubis gucken zuerst erstaunt. Aber wenn sie hören, dass auch die Oma davon profitieren kann, dann strecken sie doch die Hand nach dem Flyer aus“, erzählt sie. Denn Eldercare gilt auch für Familienangehörige. Die Resonanz auf das Angebot zeigt, das Hella offenbar einen Nerv getroffen hat. „Das Programm wird sehr, sehr gut angenommen.“

Hella zählt zu den 100 größten Industrieunternehmen Deutschlands. Stijohann ist dennoch überzeugt, dass auch kleinere und mittlere Unternehmen pflegende Angehörige unterstützen können – etwa indem sie sich zusammentun bei der Organisation von Pflegeseminaren für Beschäftigte oder Familiengenossenschaften beitreten, die Beratungsangebote anbieten.

Eldercare hilft auch dabei, die Mitarbeiter ans Unternehmen zu binden, dessen ist sich Stijohann gewiss. „Sie merken: Im Falle einer persönlichen Krise stehe ich nicht allein, mein Unternehmen stützt mich.“ Das Programm ist eingebunden in ein umfangreiches betriebliches Gesundheitsmanagement mit Sport­ und Gesundheitsangeboten oder Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Wir versuchen, mit einem ganzheitlichen Blick auf die Mitarbeiter zu schauen“ sagt Marion Stijohann. „Geht es ihnen gut, geht es dem Unternehmen gut.“                   

Rainer Busch

Mehr Informationen Wie sich Familie, Pflege und Beruf besser miteinander vereinbaren lassen und welche Angebote es gibt, lesen Sie unter dak.de/pflegezeit

60 Sekunden Wissen

3,3 Millionen Menschen in Deutschland sind laut einer Studie des DGB pflegebedürftig. Etwa zwei Drittel der Betroffenen werde zu Hause versorgt.

 

Jeder elfte Beschäftigte kümmert sich neben seinem Job um einen pflegebedürftigen Angehörigen.

 

71 Prozent von den Beschäftigten mit Pflegeverantwortung geben in der Studie an, dass sie zeitliche Probleme mit der Vereinbarkeit haben. Besonders schwierig ist sie für vollzeitbeschäftigte Frauen.

 

 

Bei den über 60-Jährigen ist jeder Fünfte für die Pflege einer oder mehrerer Personen verantwortlich. Jüngere Beschäftigte sind seltener betroffen.

 

13,3 Stunden wenden Berufstätige pro Woche im Schnitt für die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger auf.

 

Frauen wenden mehr Zeit auf für die Pflege als Männer, sie leisten im Schnitt 15 Stunden für die Pflege, Männer etwa 12 Stunden.