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Vernachlässigte Vorsorge

Aus Angst vor Ansteckung mit COVID-19 verzichten seit Ausbruch der Pandemie viele Menschen auf wichtige Vorsorgeuntersuchungen und riskieren damit, dass schwerwiegende Krankheiten nicht rechtzeitig entdeckt werden. 

Erhebungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigen, dass vor allem im zweiten Quartal 2020 deutlich weniger Menschen ärztliche Leistungen in Anspruch genommen haben. Besonders Vorsorgeuntersuchungen wie Hautkrebs- oder Mammographie-Screenings sind von März bis Mai um bis zu 97 Prozent eingebrochen. Diese wurden in der Regel nicht nachgeholt. Viele Patientinnen und Patienten sind nach wie vor noch nicht in die ambulante Versorgung zur Früherkennung von potenziell ernsthaften Erkrankungen zurückgekehrt. Gleiches gilt für Menschen mit chronischen Krankheiten, wie etwa in der onkologischen Versorgung oder bei den Disease-Management-Programmen (DMP). Auch Dr. med. Wolfgang Kohn, Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie in Berlin, hat dies in seiner Praxis festgestellt und erklärt, warum versäumte Vorsorge so problematisch sein kann.

Dr. med. Wolfgang Kohn, Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie in Berlin

„Als Typ-2-Diabetikerin ist mir
auch in Zeiten von Corona Vorsorge
sehr wichtig. Die regelmäßigen Vorsorgetermine
geben
mir Sicherheit. Ich trage neue
Termine immer direkt in den Kalender
ein, so kann ich keine Kontrolle
vergessen.“ 

DAK-Versicherte Luzia Wiegel (68) aus Heilberscheid

Aktuelle Zahlen zeigen, dass während der Pandemie weniger Menschen zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis?

Wir haben in unserer Praxis Strukturen entwickelt, wie wir die Patentinnen und Patienten dabei unterstützen, regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen zu kommen. Für viele von ihnen sind diese Untersuchungen zur Gewohnheit geworden. Dennoch gab es Patentinnen und Patienten, die Termine lieber verschieben wollten oder die Termine abgesagt haben oder erst gar nicht erschienen sind. Insgesamt läuft es in unserer Facharztpraxis jedoch stabiler als bei Hausärztinnen und Hausärzten.

Haben Sie hier Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen aus den hausärztlichen Praxen?

Hausärztinnen und Hausärzte sollten erste Ansprechpartner bei Symptomen sein, doch hier höre ich, dass Patientinnen und Patienten sehr spät kommen. Symptome werden weggedrückt und Arztbesuche aus Angst vor Ansteckung hinausgeschoben. Die Schwelle, zum Arzt zu gehen, ist angestiegen.

Sehen Sie in Ihrer täglichen Arbeit bereits Folgen durch versäumte Vorsorgeuntersuchungen?

Hier gibt es zwei Ebenen. Zum einen kommen Patientinnen und Patienten mit deutlich schlechteren Werten aus den Hausarztpraxen zu uns. Es scheint, als würden viele Menschen so lange mit einer Untersuchung warten, bis es nicht mehr geht. Dann ist der Diabetes oft schon weit fortgeschritten und wir müssen viel tiefer in die medikamentöse Werkzeugkiste greifen, um von diesen sehr hohen Werten wieder runterzukommen.

Zum anderen sind die Blutwerte der Patientinnen und Patienten insgesamt schlechter, auch wenn sie regelmäßig kommen. Dies scheint durch den Lockdown begründet zu sein. Die Sportangebote sind eingeschränkt und die Menschen werden inaktiv. Beim Homeoffice fehlt der Weg zur Arbeit. Oft wird Kompensation durch Essen betrieben – sozusagen das Einzige, das noch geht. Dadurch kommt es zur Gewichtszunahme und Verschlechterung der Blutzuckerwerte. Bei Diabetes ist jedoch ein gesunder Lebensstil sehr wichtig.

 

„Für die Pflege meines Mannes muss
ich bestmöglich mobil bleiben, nur so
können wir unseren Alltag bewältigen.
Um uns zu schützen, bin ich auch zur
Grippeschutzimpfung gegangen. Wenn sich trotz Vorsorge mal was anbahnt, reagiere ich sofort, damit es sich nicht verschlimmert.“  

DAK-Versicherte Ingrid Nimtz (82) aus Altentreptow

Gerade bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes sind regelmäßige Kontrollen wichtig. Warum kann eine Vernachlässigung gefährlich werden?

Mir macht das nicht nur als Diabetologe Sorge, sondern auch in Hinblick auf andere Erkrankungen wie Hautkrebs. Bei denen schnelles Erkennen und Behandeln wichtig sein kann. Die Gefahr ist hoch, dass die Angst vor Corona schwerer wiegt als Symptome eines leichten Diabetes, da Diabetes eine sogenannte stille Erkrankung ist. Das bedeutet, dass ein Sensorium fehlt. Man hat in der Regel keine Schmerzen – die Krankheit kann sich unbemerkt verschlimmern. Symptome treten erst auf, wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist und andere Organe betroffen sind. Dann zucken oder kribbeln zum Beispiel die Hände aufgrund von Nervenschädigungen. Oder es kommt zu Harnwegsinfekten, wenn der Zucker so hoch ist, dass der Körper ihn über den Urin verliert. Je länger man verschleppt, desto größer die negative Wirkung. Je später man zum Arzt geht, desto weiter fortgeschritten sind oft Folgeerkrankungen des Diabetes.

Bei bereits diagnostizierten Erkrankungen sind regelmäßige Blutkontrollen wichtig, um die Medikation zu überprüfen. Passt die Dosis noch? Ist ein anderes Medikament nötig? Sind die Nierenwerte okay? Passiert das nicht, kann das schief gehen und der Körper in eine kritische Situation kommen.

Was können Sie Menschen sagen, die aus Angst vor Ansteckung Kontroll- und Vorsorgetermine aufschieben?

Wir tun alles, um den Besuch in der Arztpraxis möglichst sicher zu machen. Es gelten strenge Hygieneregeln. Wir arbeiten alle mit FFP2-Maske, es wird regelmäßig desinfiziert, zu Stoßzeiten werden weniger Termine vergeben. Sollte man dennoch Angst haben, sich anzustecken, rate ich, das anzusprechen. Manche Praxen bieten zum Beispiel Randtermine an, bei denen man möglichst wenig Kontakt mit anderen Patientinnen und Patienten hat oder sogar allein im Wartezimmer ist.

Interview: Nina Alpers