Beschäftigte in Corona-Zeiten zu qualifizieren, bringt Chancen und Herausforderungen mit sich. Neue Förderprogramme erleichtern die Umsetzung.
„Qualifizieren statt entlassen“ – so nannte die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket, um Ende 2008 die betrieblichen Folgen der Finanzkrise abzufedern. Knapp zwölf Jahre später sind die wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Pandemie wahrscheinlich noch gravierender – und die Politik hat erneut Förderpakete geschnürt. Dazu zählt zum Beispiel das kürzlich in Kraft getretene „Arbeit-von-morgen-Gesetz“, das unter anderem höhere Zuschüsse für die betriebliche Weiterbildung ermöglicht. Ein weiteres Beispiel sind die „Weiterbildungsverbünde“. Mit diesem Förderprogramm sollen vor allem Beschäftigte von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) häufiger an Weiterbildungen teilnehmen können. Erreichen will man das durch eine stärkere Vernetzung von Unternehmen, Bildungs- und Beratungseinrichtungen über regionale Koordinierungsstellen.
Weiterbildung als Chance in der Krise
„Beschäftigte haben die Chance, in eher vertriebsschwächeren Monaten in ihre Qualifikation zu investieren. Das bedeutet für uns insbesondere einen Zeitvorteil, weil es während des normalen Vertriebsgeschäfts oft an ausreichend Zeit für Fort- oder Weiterbildung fehlt. Jetzt kann man die Freiräume sinnvoll nutzen.“
Daniel Hartmann, Geschäftsführer Ruhr Real Business Immobilien in Essen
Susanne Müller,
stellvertretende Leiterin der Abteilung
Bildung und Berufliche Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)
Susanne Müller, stellvertretende Leiterin der Abteilung Bildung und Berufliche Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), kennt aus ihrer täglichen Arbeit aber auch die Herausforderungen dabei: „Für die Betriebe hat es angesichts der aktuellen Krise natürlich Priorität, den vollständigen Geschäftsbetrieb wieder aufzunehmen. Für Beschäftigte in Kurzarbeit gilt daher: Es könnte sein, dass ihre Arbeitskraft kurzfristig wieder im Betrieb benötigt wird. Wer dann in längeren Qualifizierungsmaßnahmen gebunden ist, ist unter Umständen erst verzögert wieder einsatzbereit. Unternehmen ist aber durchaus bewusst, dass das Thema Fachkräftesicherung und Qualifizierung vor dem Hintergrund des Strukturwandels schnell wieder an Bedeutung gewinnen wird.“
Digitale Lernformate
Firmen, die in der derzeitigen Situation bereits weiterbilden, könnten allerdings umso dynamischer den erhofften Aufschwung mitnehmen, weil ihre Beschäftigten besser auf neue Entwicklungen vorbereitet werden. Außerdem ermöglichen digitale Lernformate auch in der Krise orts- und zeitunabhängige sowie besonders kostengünstige Weiterbildung in vielen Branchen, vor allem im Dienstleistungssektor. „Wir haben zum Beispiel eine Lern-App, die unsere Beschäftigten jederzeit, ob im Büro oder zu Hause, nutzen können, um sich weiterzubilden“, berichtet Birgit Dicke, Personalreferentin bei BÖCKER-Wohnimmobilien. Trotz Corona plant der mittelständische Familienbetrieb aus Düsseldorf, im Herbst zwei neue Azubis einzustellen. Dafür will man eine weitere Fördermöglichkeit nutzen – die Ausbildungsprämie der Bundesregierung.
Gestärkt aus der Krise
„Wichtig ist, dass unsere Beschäftigten weiterhin motiviert bleiben und dass wir auf sie vertrauen und bauen. Wir als Unternehmen steigern dadurch unsere Wettbewerbsfähigkeit und stellen uns den neuen Herausforderungen, um hoffentlich gut vorbereitet und gestärkt aus der Krise zu kommen“, erklärt Birgit Dicke.
Individuell Fördern
Sowohl die BDA als auch die Agenturen für Arbeit informieren über die neuen Fördermöglichkeiten. „Die Arbeitgeber entscheiden dann in Abstimmung mit ihren Beschäftigten vor Ort darüber, passgenaue und bedarfsgerechte Angebote in Anspruch zu nehmen. Das ist abhängig von der Region, der Branche und dem einzelnen Betrieb und muss dementsprechend auch immer individuell erfolgen“, sagt Susanne Müller.
Thomas Corrinth
Birgit Dicke,
Personalreferentin bei BÖCKER-Wohnimmobilien
Zusatzwissen
Blended Learning: Qualifizierung zum/zur Betrieblichen Gesundheitsmanager/in
Ein erfolgreiches Unternehmen braucht gesunde und motivierte Beschäftigte. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) unterstützt Unternehmen, gesundheitsfördernde Strukturen aufzubauen sowie gesundheitsförderliches Verhalten der Beschäftigten zu stärken.
Die DAK-Gesundheit bietet eine zweistufige Qualifizierung zur Expertin/zum Experten für gesundheitsfördernde Strukturen im Betrieb an. Die Weiterbildung erfolgt in Kombination aus E-Learning und Präsenzeinheiten (Blended Learning) und wird durch die AHAB-Akademie durchgeführt. Mit diesem Fachwissen können Sie dauerhaft einen Gesundheitsförderungsprozess in Ihrem Betrieb aufbauen.
Weitere Informationen zur Qualifizierung und zum Ablauf erhalten Sie unter: dak.de/bgm-manager
Weiterbildung mit „Working Out Loud“ (#WOL):
Mit dieser Methodik können alle, die selbstorganisierter, offener und vernetzter arbeiten wollen, sich diese Kompetenzen selbst erarbeiten und auch für andere nutzbar machen. In sogenannten WOL-Circles arbeiten vier bis fünf Menschen mit möglichst unterschiedlichen Kompetenzen zwölf Wochen jeweils eine Stunde (meist digital) zusammen. Jede und jeder Teilnehmende hat dabei ein eigenes Wunsch-/Businessthema, das sie oder er aktiv einbringt. John Stepper arbeitete drei Jahrzehnte in großen Unternehmen und entwickelte mit diesen Erfahrungen die WOL-Methode. Unternehmen wie etwa Daimler oder Bosch versprechen sich von WOL eine stärkere bereichsübergreifende Vernetzung und Zusammenarbeit.
„Ich wollte meine Rhetorik verbessern“, sagt Kristina Reymann, Transformationsmanagerin bei der Hamburger Sparkasse. Über soziale Medien suchte sie sich vor zwei Jahren zunächst privat Gleichgesinnte. Mittlerweile hat sie das Konzept auch ihrem Arbeitgeber vorgestellt. „Der WOL-Mindset, etwas aus eigenem Antrieb gemeinsam mit anderen zu lernen, sich weiterzuentwickeln, stärkt die Resilienz und menschliche Beziehungen. Das hat sich in der Corona-Krise total ausgezahlt.“
Mehr Informationen unter: workingoutloud.com