„Patienten können sehr viel für ihren Eigenschutz tun“
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„Patienten können sehr viel für ihren Eigenschutz tun“

Krankenhaushygiene: Prof. Dr. Petra Gastmeier von der Charité Berlin klärt auf
Prof. Dr. Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Berlin
Im Interview: Prof. Dr. Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Berlin

Multiresistente Erreger (MRE) können vor allem für immungeschwächte Klinik-Patienten zum Problem werden. Über 1.000 Menschen in Deutschland sterben jährlich an einer Infektion. Prof. Dr. Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité in Berlin, gab uns einen Einblick in die Welt dieser besonderen Keime sowie wertvolle Tipps, wie man sich vor ihnen schützen kann.

 

1. Frau Professor Gastmeier, ein multiresistenter Erreger (MRE) – was ist das überhaupt? Und welche MRE kommen am häufigsten vor in Deutschland?

Prof. Dr. Petra Gastmeier: Multiresistente Erreger sind solche Bakterien, gegen die nicht nur ein Antibiotikum unwirksam ist, sondern viele Antibiotika. Zu den häufigsten multiresistenten Erregern zählen die Bakterien Methicillin resistente Staphyolococcus aureus, kurz MRSA, die auf der Haut leben. Ihre Infektionsrate konnte in den letzten Jahren durch eine verbesserte Hygiene etwas reduziert werden. Einen deutlichen Anstieg verzeichnen wir dagegen seit 2005 bei Infektionen mit den Darmbakterien Vancomycin-resistente Enterokokken, kurz VRE, sowie bei Infektionen mit sogenannten ESBL-Keimen – das sind Bakterien, bei denen Betalactam-haltige Antibiotika nicht mehr wirken.

2. Wie entstehen solche Antibiotika-Resistenzen überhaupt?

Eigentlich entstehen solche Resistenzen durch Mutation, also durch eine Änderung im Erbgut des Erregers. Früher war das Bakterium empfindlich gegen ein bestimmtes Antibiotikum und durch die Mutation dann nicht mehr. Aber Mutation alleine ist eigentlich nie das Problem. Das Entscheidende ist, dass es gleichzeitig zu der Mutation auch eine Selektion gibt: Wenn durch ein Breitspektrum-Antibiotikum zum Beispiel die umgebende empfindliche Darmflora abgetötet wird, können resistente Bakterien deren Platz dort einnehmen und sich viel besser vermehren. Das lässt sich vermeiden, wenn man Antibiotika gezielter einsetzt. Und das könnte in den Kliniken noch besser umgesetzt werden.

3. Warum können MRE besonders in einem Krankenhaus gefährlich sein?

Das Hauptproblem ist, dass viele Patienten im Krankenhaus invasive Maßnahmen über sich ergehen lassen müssen. Es ist eine hohe Gefahr gegeben, dass die Erreger aus der Umwelt in den Patienten hineingelangen, zum Beispiel über Gefäß- oder Harnwegkatheter oder über OP-Wunden. Hinzu kommt, dass die Patienten oft Therapien haben, die das Immunsystem zusätzlich schwächen. Zum Beispiel Krebs-Patienten, deren Immunsystem im Rahmen der Behandlung gezielt unterdrückt wird.

4. Was ist in den letzten Jahren seitens des Gesetzgebers passiert, um die Verbreitung von MRE in den Griff zu kriegen?

Schon im Jahr 2001 wurde ein Infektionsschutzgesetz entwickelt. 2011 wurde dieses dann noch einmal reformiert. Seitdem müssen alle Bundesländer Landes-Hygieneverordnungen haben. Zum Beispiel wird genau vorgeschrieben, wie viele Hygiene-Fachkräfte in einem Krankenhaus beschäftigt werden müssen oder ob es einen hauptamtlichen Hygiene-Facharzt geben muss. Sogenannte Risikopatienten, die etwa Diabetes haben oder eine Dialyse bekommen, werden bei einer Aufnahme konkret auf MRSA getestet. Wir haben gute Leitlinien zur Vermeidung von Infektionen in Deutschland. Für deren Umsetzung brauchen wir aber auch eine gute Fortbildung in den Kliniken und natürlich entsprechend viel Pflegepersonal – und da gibt es Verbesserungspotenzial.

5. Worauf kann ein Patient im Krankenhaus achten, um sich vor MRE zu schützen?

Der Patient kann mit darauf achten, dass Hygienemaßnahmen auch richtig umgesetzt werden und wenn er diesen Eindruck nicht hat, kann er das Pflegepersonal durchaus darauf hinweisen. Er kann zum Beispiel nachfragen, ob ein Harnwegskatheter vielleicht schon gezogen werden könnte, wenn der nicht mehr unbedingt notwendig ist. Oder er macht das Pflegepersonal darauf aufmerksam, wenn er Zweifel an deren Händedesinfektion hat. Dabei geht es nicht darum, die Kompetenz des Pflegepersonals in Frage zu stellen, sondern darum, im stressigen Klinik-Alltag mit oft begrenzter Personalausstattung zusätzlich als informierter Patient mit darauf zu achten. Das nennen wir „patient empowerment“.

6. Mit welchen eigenen Hygienemaßnahmen kann ein Patient vorbeugen?

Patienten können sehr viel für ihren Eigenschutz tun. Ganz wichtig dabei ist eine gute Händehygiene, denn rund 90 Prozent aller Keime werden über die Hände übertragen. Vor und nach der Nahrungsaufnahme, nach dem Toilettengang und immer dann, wenn er das Patientenzimmer verlässt und wieder betritt, sollte er sich die Hände gründlich desinfizieren. Wer eine gute Händehygiene betreibt, muss auch keine Angst vorm Händeschütteln haben. Grundsätzlich sollte keine fremde Person ins eigene Krankenhausbett gelassen werden oder sich auf die Bettkante setzen. Antibakterielle Gegenstände wie zum Beispiel Möbel oder Gardinen haben dagegen kaum Wirkung, weil sie schlichtweg zu weit entfernt vom Patienten sind.

7. Wie soll man sich gegenüber Patienten verhalten, bei denen MRE nachgewiesen wurden?

Multiresistente Erreger werden nur über direkten Kontakt und nicht über die Luft übertragen. Insofern passiert überhaupt nichts, wenn man zum Beispiel mit einem MRE-Patienten an einem Tisch sitzt. Bei einer Infektion mit MRE muss man zwar vorsichtig sein, aber sie darf auch nicht zu einer Stigmatisierung führen. Außerdem weiß man von vielen Patienten überhaupt nicht, dass diese MRE haben. Insofern macht es mehr Sinn, sich generell so zu verhalten, dass man keine Erreger übertragen kann.

8. Woran erkenne ich als Patient, ob ein Krankenhaus ein gutes Hygiene-Management hat?

Das ist nicht einfach für den Patienten zu erkennen. Was er gut beobachten kann, ist wie gesagt die Händehygiene des Pflegepersonals. Deswegen ist es zum Beispiel wichtig, dass die Desinfektionsspender im Patientenzimmer angebracht sind und nicht davor. Man kann auf die Homepage des Krankenhauses gehen und schauen, ob es spezielle Hygiene-Fachkräfte hat. Manche Krankenhäuser veröffentlichen ihre Teilnahme an der „Aktion Saubere Hände“ – davon kann man ein Interesse am Thema Hygiene ableiten. Oder die Kliniken nehmen freiwillig an Projekten teil, bei denen Infektionsraten regelmäßig gemessen und Maßnahmen daraus abgeleitet werden. KISS ist ein solches Monitoring-System, es steht für Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System.

9. Welche sonstigen Maßnahmen werden derzeit entwickelt, um MRE in Zukunft noch besser bekämpfen zu können?

Aktuell wird zum Beispiel an der Entwicklung von Diagnostik-Tests gearbeitet, die noch schneller Ergebnisse liefern sollen. Derzeit brauchen wir in den Kliniken noch rund 48 Stunden, um die Erreger und ihre Resistenzen zu erfahren. Wenn das schneller geht, könnte man dem Patienten auch noch schneller helfen. Dazu wird intensiv geforscht und ich verspreche mir eine ganze Menge davon.

Interview: Thomas Corrinth

Die richtige Händedesinfektion

Die meisten Keime und Erreger werden per Schmier- und Tröpfcheninfektion übertragen. Den häufigsten Kontakt mit Viren und Bakterien haben unsere Hände. Durch Berührungen im Gesicht können diese über die Schleimhäute in Mund, Nase und Augen in den Körper gelangen. Saubere Hände helfen uns dabei, gesund zu bleiben. Wie genau die hygienische Händedesinfektion funktioniert, erfahren Sie in unserer Slideshow. Wichtig: Nehmen Sie sich mindestens 20 bis 30 Sekunden Zeit, um Ihre Hände zu reinigen. Waschen Sie das Desinfektionsmittel anschließend nicht ab.
Tipp: Am besten wenden Sie dieselbe Technik auch zum Händewaschen mit Seife an. Wenn Sie die Seife abgespült haben, trocknen Sie Ihre Hände mit einem sauberen Tuch. Achten Sie darauf, die Handtücher regelmäßig bei 60 Grad zu waschen – diese Temperatur tötet viele eventuell zurückgebliebenen Bakterien ab. Cremen Sie Ihre Hände außerdem regelmäßig mit einer rückfettenden und feuchtigkeitsspendenden Lotion ein. Häufiges Händewaschen trocknet die Haut aus, es kann zu kleinen Wunden kommen – die ideale Eintrittsstelle für Keime. Mit einer ph-neutralen Seife pflegen Sie Ihre Haut bereits beim Händewaschen. JM

 

 

 

 

Reiben Sie zunächst Ihre Handflächen aneinander. Reiben Sie auch die rechte Handfläche über den linken Handrücken und umgekehrt.
Legen Sie die Handfläche der rechten Hand auf den linken Handrücken, spreizen Sie die Finger und verreiben Sie das Desinfektionsmittel auf der Oberseite der Fingergelenke. Wechseln Sie anschließend die Handposition.
Legen Sie Ihre Handflächen aneinander, spreizen Sie die Finger und verreiben Sie das Desinfektionsmittel in den Fingerzwischenräumen.
Stellen Sie die Fingerkuppen der rechten Hand auf die linke Handfläche und reiben Sie in kreisenden Bewegungen. So reinigen Sie sowohl die Fingerspitzen als auch die Fingernägel. Wechseln Sie anschließend die Handposition.
Reiben Sie sowohl Ihren rechten als auch Ihren linken Daumen in kreisenden Bewegungen von den Gelenken bis zu den Fingerspitzen mit Desinfektionsmittel ein.
Verteilen Sie das Desinfektionsmittel auch auf Ihren Handgelenken.