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Gesundheit & Fitness

Folgen der Pandemie: Wenn essen zur Krankheit wird

Mehr Übergewicht, mehr Essstörungen: Neue Studien zeigen einen deutlichen Anstieg seit der Corona-Krise – vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

Monatelang fand das Leben hauptsächlich drinnen vor PCs und Tablets statt. Wenig Bewegung, keine Abwechslung, kaum soziale Kontakte – das hat deutliche Spuren hinterlassen. Überforderung und Zeitmangel bei den Erwachsenen, Langeweile und Frust bei den Jüngeren haben zu teilweise ungesunden Essgewohnheiten geführt. Wenn sonst die Kitas oder Schulen für die warme Mahlzeit des Tages sorgten, waren nun die Eltern gefragt. Doch nicht alle Familien haben es neben den Belastungen der Corona-Pandemie geschafft, feste Essenszeiten einzuhalten und dreimal täglich Gesundes auf den Tisch zu bringen. Kinder und Jugendliche griffen häufiger zu süßen und salzigen Snacks.

Laut einer repräsentativen Umfrage unter rund 1.000 Familien legten im Laufe der Pandemie gut ein Viertel aller Eltern und neun Prozent der unter 14-Jährigen an Gewicht zu. Bei den über Zehnjährigen aus Familien mit niedrigem Schulabschluss waren es 23 Prozent, wie Münchner Ernährungsmediziner im Fachjournal „Annals of Nutrition and Metabolism“ feststellen. „Im medizinischen Bereich sehen wir eine große Zunahme von Adipositas, also Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen. Bis zu 30 Kilo haben einige Kinder im Extremfall in unter einem Jahr an Gewicht zugelegt, auch 25 Kilo sind keine Seltenheit. Ein solches Ausmaß haben wir Kinderärzte vorher noch nicht gesehen“, erklärt Dr. Jakob Maske, Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbandes der Kinderärzte aus Berlin.

Übergewicht mit Folgen

Starkes Übergewicht, gerade im jungen Alter, bleibt nicht ohne Folgen und kann das Risiko für Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauferkrankungen deutlich verstärken. So zeigen Studien, dass etwa 80 Prozent der adipösen Jugendlichen auch im Erwachsenenalter fettleibig bleiben. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass Eltern so früh wie möglich einschreiten und sich fachkundige Hilfe holen. Auf der Website uebergewicht-vorbeugen.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung finden betroffene Familien umfangreiche Tipps und Informationen zu den Ursachen von Übergewicht und dem richtigen Umgang damit.

Zunahme von Essstörungen

Neben Übergewicht hat die Corona-Krise auch weitere Essstörungen wie Magersucht und Bulimie begünstigt. Der DAK-Präventionsradar zeigt, dass Kinder und Jugendliche aufgrund der Pandemie trauriger geworden sind: Jedes siebte Schulkind fühlt sich oft niedergeschlagen und häufig unglücklich – ein Drittel mehr als vor Corona. Vor allem Mädchen sind von zunehmenden emotionalen Problemen betroffen: In der aktuellen Befragung zeigen 23 Prozent Symptome depressiver Störungen wie Traurigkeit, geringes Selbstwertgefühl, Interessensverlust und sozialer Rückzug. Das sind deutlich mehr als im Vorjahr mit 18 Prozent. Dies in Kombination mit dem Wegfall fester Tagesstrukturen und damit auch fester Mahlzeiten hat dazu geführt, dass nun deutlich mehr Kinder und Jugendliche mit Essstörungen behandelt werden als vor der Pandemie. Insgesamt sind Mädchen etwa dreimal so häufig von Essstörungen betroffen wie Jungen. Oft ist es der Versuch, die Unsicherheit und den Kontrollverlust in der Pandemie auszugleichen, indem das eigene Gewicht kontrolliert wird. Essen wird zudem als Mittel zur emotionalen Beruhigung eingesetzt.

Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Essstörungen sind Verhaltensstörungen, die zu ernsthaften und langfristigen Gesundheitsschäden führen können. Die bekanntesten und häufigsten Essstörungen sind Magersucht (Anorexia Nervosa), Ess-Brech-Sucht (Bulimia Nervosa) und Essattacken (englisch Binge Eating). Diese wirken sich zwar unterschiedlich aus, haben aber eines gemeinsam: Die Gedanken und Gefühle der Betroffenen drehen sich pausenlos um die Themen Essen und Ernährung. Im Folgenden möchten wir kurz die verschiedenen Formen skizzieren, auch wenn sich diese nicht immer klar voneinander abgrenzen lassen und Merkmale durchaus ineinander übergehen oder sich vermischen können.

Magersucht

Magersucht geht meist mit einem verzerrten Körperbild einher. Magersüchtige finden sich auch dann noch zu dick, wenn sie schon untergewichtig sind. Sie streben nach einem Ideal, das in dieser Form nicht realistisch und erreichbar ist. Betroffene essen meist so wenig wie möglich und zählen jede Kalorie. Gleichzeitig versuchen viele den Energieverbrauch durch Sport zu steigern. Magersucht betrifft häufig Mädchen mit hohem Leistungsanspruch und niedrigem Selbstwertgefühl. Folgen der Magersucht können Unter- und Mangelernährung sowie Muskelschwund sein. Außerdem kann es zu langfristigen gesundheitlichen Schäden wie Osteoporose und Unfruchtbarkeit kommen.

Bulimie / Ess-Brech-Sucht

Betroffene sind zwar meist normalgewichtig, haben aber große Angst davor, dick zu werden und wenden verschiedene Strategien an, damit das nicht passiert. Das Essen wird nach kurzer Zeit wieder erbrochen, Abführmittel genommen, es wird gefastet oder exzessiv Sport betrieben. Auf diese Weise wird der Körper in einen Mangelzustand geführt, der die Betroffenen dazu bringt, unkontrolliert zu essen. Nach diesen regelrechten Fressanfällen setzt ein schlechtes Gewissen ein und das Bedürfnis zu erbrechen. Das Erbrechen wird als Erleichterung empfunden, mit der sich die Situation kontrollieren lässt. So entsteht schnell ein Kreislauf aus Heißhungerattacken und Erbrechen, der schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen kann.

Binge-Eating / Essattacken

Betroffene leiden regelmäßig unter Essattacken, die sie nicht kontrollieren können. Ohne physischen Hunger greifen Sie zu großen Mengen (ungesunder) Nahrungsmittel. Meist handelt es sich dabei um besonders zucker- und fetthaltige Produkte. Diese werden schnell konsumiert, bis ein unangenehmes Völlegefühl eintritt. Das führt bei den Betroffenen zu Selbstekel und Scham. Sie leiden nicht selten unter Depressionen und den Folgen eines starken Übergewichts.

Ein Teufelskreis

Menschen, die in den Teufelskreis einer Essstörung kommen, können diesem nur in den seltensten Fällen selbstständig wieder entkommen. Nicht umsonst werden Essstörungen zu den Suchterkrankungen gezählt. Obwohl viele Betroffene erkennen, dass das eigene Verhalten falsch und gefährlich ist, sind sie regelrecht süchtig danach und kommen allein nicht dagegen an. Deswegen ist es so wichtig, die Anzeichen zu erkennen und sich so früh wie möglich fachkundige Hilfe zu suchen.

Nina Alpers