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Innehalten im Alltag: Tipps für mehr Achtsamkeit

Momente der Entspannung für die ganze Familie

Starke, gesunde und glückliche Kinder lernen leichter: Die Präventionsinitiative fit4future für Grund- und Förderschulen setzt sich zum Ziel, mit den vier Bausteinen Bewegung, Ernährung, Brainfitness und Verhältnisprävention Schüler fit für die Zukunft zu machen und auch zur Lehrergesundheit beizutragen. Zum Auftakt des 6. fit4future Kongresses in Bad Griesbach erklärt Achtsamkeitsexperte Mathias Gugel im Interview, wie Eltern und Kinder im Alltag von einer achtsamen Lebensweise profitieren und sich Ihre Momente des Innehaltens schaffen können. Dieses Thema ist auch Inhalt seines Vortrags, den er am 10. Oktober vor dem Fachpublikum halten wird. 

1. Das Thema Achtsamkeit ist in aller Munde. Aber was genau ist das eigentlich, was ist das Ziel?

Achtsamkeit ist eine natürliche Fähigkeit des Menschen. Es geht darum, alles was in einem selbst und in der Umwelt vor sich geht, mit Offenheit wahrzunehmen, ohne diese Erfahrungen (auch die unangenehmen!) dabei sofort zu bewerten. Dadurch können wir lernen, leichter mit Stress und Belastungen zurecht zu kommen. Ein Ziel im eigentlichen Sinne gibt es dabei gerade nicht. Vielmehr ist es ein wesentliches Element von Achtsamkeit, sie absichtslos zu üben. Mit der Zeit finden wir so zu Ruhe und Gelassenheit in einer Welt, die von vielen als beschleunigt und unsicher erlebt wird. Wir gehen mit mehr Wachheit, Präsenz und Freude durchs Leben.

Mathias Gugel ist Diplom-Pädagoge, Erwachsenenbildner, Achtsamkeitslehrer und Trainer

 

2. Haben gelassene Eltern automatisch entspanntere Kinder?

Sicherlich ist es hilfreich, wenn Eltern gelassen sind, also auch in schwierigen Situationen klar und bei sich bleiben können, statt „außer sich“ zu sein. Dennoch haben Kinder ihre eigenen Begegnungen, Anforderungen und Konflikte auch jenseits des Elternhauses, je älter sie werden, umso mehr. Das ist auch wichtig und richtig so. Eltern können ihre Kinder jedoch darin unterstützen, den Herausforderungen in ihrem Leben achtsam zu begegnen. Schon Kindergartenkindern hilft es, wenn sie lernen, sich selbst zu beruhigen, z. B. durch die Wahrnehmung des Atems. Für Jugendliche ist es hilfreich, wenn sie aus dem ständigen Sich-Vergleichen aussteigen können, sich eher spüren und Monologe der Selbstbewertung bewusst unterbrechen können.

3. Warum ist tägliche Achtsamkeit so wichtig für die seelische Gesundheit, vor allem bereits im Kindesalter?

Kinder brauchen ein Gegengewicht zu ständiger Beschäftigung, Aufregung und Anforderung, gerade in Zeiten, in denen sie sich gefordert fühlen. Sie können lernen, dass sie Situationen und Gefühle mit Aufmerksamkeit und Ruhe durchleben und überstehen können. Und sie können lernen, dass es auch dazu gehört, mal Angst zu haben oder Schmerzen zu fühlen – und dass das okay ist.

4. Sind Kinder nicht von Natur aus achtsam bzw. warum verlernen wir das im Laufe des Erwachsenwerdens? Können sich Erwachsene gar etwas von den Kindern „abschauen“?

In der Tat fällt es Kindern leichter achtsame Momente zu erleben. Sie können sich lange mit Kleinigkeiten beschäftigen und beispielsweise beobachten, wie die Marmelade vom Löffel tropft, dann an den Fingern klebt und süß schmeckt. Je älter wir werden und je mehr wir erreichen wollen – etwa einen vollen Tagesplan abarbeiten – desto eher übergehen wir Momente und sind häufig nicht mehr wirklich anwesend. Hier können sich Erwachsene tatsächlich viel von Kindern abschauen. Wenn Sie beispielsweise nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen, nehmen Sie sich ein paar Momente, um diesen Wechsel vom Arbeits- zum Privatleben bewusst zu vollziehen und wirklich anzukommen. Dann gelingt es eher, mit der ganzen Aufmerksamkeit bei den Kindern zu sein und nicht in Gedanken bei etwas anderem. Ihre Kinder werden es Ihnen danken und Ihre Beziehung zu ihnen wird an Tiefe gewinnen.

5. „Einfach mal einen Gang runter schalten, im Hier und Jetzt sein“ – aber wie geht das? Viele Eltern und Kinder haben einen straffen Zeitplan, digitale Ablenkung gibt es an jeder Ecke und alle haben buchstäblich zu wenig Zeit, mit Muße durch den Tag zu gehen: Welche drei Tipps haben Sie für Familien, um „Achtsamkeit im Alltag“ zu schaffen, ohne aus dem Drang nach Achtsamkeit schon wieder Stress zu schaffen?

Da wir ja alle quasi immer „zu wenig Zeit“ haben, ist es hilfreich, Rituale im Alltag zu etablieren, um gemeinsam Achtsamkeit zu entwickeln. Zum Beispiel diese:

  • Beim Abendessen können alle Familienmitglieder jegliche anderen Ablenkungen, wie z. B. Smartphones oder Zeitschriften, beiseitelegen und sich ganz dem gemeinsamen Essen widmen. Sich beispielsweise über Geschmack, Geruch, Aussehen oder Herkunft des Essens austauschen und dem anderen dabei ganz bewusst zuhören – das kann eine sehr verbindende Erfahrung sein.
  • Am Ende eines Tages beim zu Bett gehen können sich Eltern und Kinder drei schöne Dinge erzählen, die sie während des Tages erlebt haben. Die Aufmerksamkeit vor dem Schlafen auf positive Erlebnisse zu richten, verstärkt die schönen Erfahrungen und verhindert, dass diese einfach übersehen werden.
  • Eltern können abends vor dem Einschlafen gemeinsam mit ihren Kindern Audio-Anleitungen mit kurzen Achtsamkeitsübungen anhören. Auf unserer Website gibt es z. B. eine Anleitung für einen 9-minütigen Bodyscan, das ist eine gedankliche Reise durch den eigenen Körper. Probieren Sie es gleich heute Abend aus!

 

6. „Meditation ist so gar nicht mein Ding“ – bin ich also für ein achtsames Dasein nicht gemacht?

Diese Antwort hören wir als Achtsamkeitslehrende oft. Tatsächlich ist es aber häufig so, dass die, denen es besonders schwerfällt, solche Übungen zu machen, den größten Nutzen davon haben können, wenn sie sich erstmal darauf eingelassen haben. Viele werden sich erst dann der gewohnheitsmäßigen Muster bewusst, die sie antreiben und die ihre Unruhe auslösen. Wer z. B. nur durch die völlige Ermüdung beim Ausdauersport herunterfahren kann oder ständig etwas tun muss und Ruhe schlecht aushält, kann lernen, dass diese Muster veränderbar sind und völlig verschwinden können. Viele stressbedingte gesundheitliche Themen werden leichter, das Wohlbefinden und Zur-Ruhe-Kommen wird gestärkt. Allerdings geht das nicht von heute auf morgen. Es muss für eine Weile, ca. acht bis zwölf Wochen, geübt werden. Ohne diese Übung bleiben wir in unserer alten Erfahrung und reproduzieren sie immer wieder von Neuem. Das liegt einfach an der Beschaffenheit unseres Gehirns. Die ist veränderbar, braucht aber Zeit für den Umbau, also einen Lernprozess.

7. Wenn doch mehr Zeit ist: Gibt es einfache Übungen, die Familien mit Kindern gut umsetzen können?

Wie schon oben beschrieben, können Eltern ihre Kinder durch die Wahrnehmung des Körpers führen oder für 5 Minuten zusammen eine Atemübung machen. Achtsamkeit kann man sich vorstellen wie einen Muskel, der sich trainieren lässt. Die Trainingsmethode sind dann sinnliche Erfahrungen. Laden Sie Ihre Kinder zu einem Spiel ein: Nenn mir drei Dinge, die du siehst, fühlst, riechst, hörst oder schmeckst. Das ist eine spielerische Übung der achtsamen Wahrnehmung im Moment. Erwachsene finden diese Übung oft herausfordernder als Kinder, aber sie tut beiden gut.