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Warum wir mehr singen sollten

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Sie möchten Ihrem Körper etwas Gutes tun? Dann singen Sie doch einfach öfter. Ganz egal, ob unter der Dusche oder im Chor, ob etwas schräg oder harmonisch – Hauptsache mit Herzblut und Spaß. Denn Singen stärkt die Gesundheit. Wir erklären warum.

Singen tut Körper und Seele gut. Wer regelmäßig singt, der stärkt so seine Abwehrkräfte und Psyche. Dabei ist es nicht wichtig, ob professionell oder einfach nur aus Spaß gesungen wird. Doch um von den positiven Effekten des Singens profitieren zu können, müssen wir mehr als nur ein Liedchen trällern. Nach etwa 15 bis 20 Minuten verbessert sich unsere Sauerstoffversorgung, dies stärkt das Immunsystem und die Abwehrkräfte. Nach zirka 30 Minuten Singen werden von unserem Gehirn erhöhte Anteile von stimmungsaufhellenden Hormonen wie Beta-Endorphin und Serotonin produziert und gleichzeitig Stresshormone wie Cortisol abgebaut. Ärzte und Therapeuten nutzen dies bereits bei der Behandlung von Patienten.

Singen kann Krankheiten vorbeugen

Bei der Untersuchung von Speichelproben von Chormitgliedern fanden Wissenschaftler heraus, dass die Anzahl der Immunglobuline A (IgA) nach einer Chorprobe stark gestiegen war. Immunglobuline A sind Eiweiße, die zum Immunsystem des Körpers gehören. Sie sitzen in den Schleimhäuten und dienen dem Schutz vor Krankheitserregern. Die Bildung dieser Antikörper wird durch die Bewegungen, die wir beim Singen durchführen, gefördert. Auf diese Weise stärkt Singen das Immunsystem und kann Erkältungen und anderen Krankheiten vorbeugen.

Stärkung von Herz und Kreislauf

Gemeinsames Singen zum Beispiel im Chor hat zusätzliche gesundheitliche Vorteile. So fanden Wissenschaftler der Universität Göteborg heraus, dass sich beim Singen in der Gruppe die Herzfrequenzen angleichen und gegenseitig stabilisieren. Eine stabile Herzfrequenz ist gut für das gesamte Herz-Kreislauf-System. Ein wichtiger Faktor ist zudem die Atmung – trainierte Sänger atmen in den Bauch. So gerät das Zwerchfell in Bewegung, die Lungen haben mehr Platz, der Brustkorb entspannt sich und die Rückenmuskulatur wird gekräftigt. Auf diese Weise können Profi-Sänger so fit wie Dauerläufer werden.

Stärkung der Konzentrationsfähigkeit

Wissenschaftler der Universität Helsinki konnten bei Patienten mit leichter Demenz eine positive Wirkung des Singens auf die kognitiven, emotionalen und sozialen Funktionen feststellen. Nach zehn Wochen Gesangsübungen zeigten die Patienten verbesserte Gedächtnis- und Orientierungsfähigkeiten. Außerdem waren sie weniger depressiv und konnten kleinere Aufgaben des Alltags besser meistern.

Schon die Kleinsten profitieren

Die vertraute Stimme einer Bezugsperson hilft schon den Allerkleinsten zur Ruhe zu kommen.  Das Vorsingen hat dabei zugleich den positiven Effekt, dass Sie selbst ruhiger werden und gleichmäßiger atmen. Diese Ruhe überträgt sich auch auf die Kinder. Dabei ist es nicht wichtig, jeden Ton zu treffen. Einfache Lieder mit einem gleichmäßigen Rhythmus sind ideal zum Entspannen. Nicht umsonst hat sich das Gute-Nacht-Lied als Einschlafhilfe für kleine Kinder bewährt. Außerdem kann Singen die Sprachentwicklung und Stimmausbildung bei Kindern unterstützen. Nutzen Sie also die positive Kraft des Singens auch in ihrer Familie und stimmen Sie regelmäßig einige Lieder an.

5 Fragen an Monika Hoog Antink, Musiktherapeutin (DMtG), M.A.

 

Warum sollten wir alle mehr singen?

Singen ist ein Workout für Körper und Psyche, das unter den richtigen Bedingungen sogar noch Spaß macht und entspannt. Die Stimme ist dabei ein körpereigenes Instrument, das günstig ist und uns fast immer zur Verfügung steht. Beim Singen werden wir aktiviert, die Stimmung steigt und auch der Körper und unser Gehirn profitieren davon. Darüber hinaus ist es eine Tätigkeit, die unser Selbstwertgefühl steigert und uns mit anderen verbindet.

Was passiert beim Singen im Körper? 

Beim Singen werden mehrere Areale im Gehirn aktiviert. Singen begünstigt die Ausschüttung von verschiedenen körpereigenen Stoffen, so zum Beispiel Immunglobulin A, das unser Immunsystem stärkt. Darüber hinaus wird das sogenannte „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet, das nachweislich Angst und Schmerz senkt. Der Anteil des sogenannten „Stresshormons“ Cortisol wird hingegen gesenkt. Unser Puls sinkt, wir atmen tief und regelmäßig und die Sauerstoffsättigung im Blut steigt. Darüber hinaus kann es zur Synchronisation des Herz-Kreislaufsystems der Singenden beitragen. Überspitzt ausgedrückt, kann Singen unsere Herzen also wirklich im gleichen Takt schlagen lassen.

Ist es egal, was wir singen oder wirken sich bestimmte Lieder oder Musikrichtungen unterschiedlich aus? 

Unsere Lieblingsmusik ist für uns positiv besetzt und damit am besten geeignet, das körpereigene Belohnungssystem zu aktivieren und Dopamin, ein sogenanntes „Glückshormon“, auszuschütten. Auch kann man Musik ganz grob zwei Polen zuordnen, nämlich aktivierender oder beruhigender Musik. Ein schneller Popsong hat auf unseren Körper und unsere Psyche eine andere Wirkung als ein ruhiges, wiegendes Schlaflied. Für eine tiefe Entspannung bieten sich ritualisierte Lieder mit Wiederholungen an. Das kennen viele Menschen aus der Kirche oder durch Mantra-Singen beim Yoga.

Was sagen Sie Menschen, die glauben nicht singen zu können?

Ich sage dann, dass man sich langsam ans Singen herantasten kann und es eben nicht um Leistung geht, sondern darum, gemeinsam eine gute Zeit im Hier und Jetzt zu haben. Singen in der Gruppe ist zum Einstieg besonders geeignet, da jeder selbst regulieren kann, ob und wie laut er gehört werden möchte. Viele Menschen haben in ihrem Leben, beispielsweise in der Schule, negative Erfahrungen mit dem Singen gemacht. Dann haben sie seit 20 Jahren nicht mehr gesungen und verbinden mit Singen ein Konzert oder eine Wettbewerbssendung im Fernsehen. Es ist wichtig, Gefühle wie Scham oder Angst ernst zu nehmen, aber eben auch deutlich zu machen, dass man diese gemeinsam überwinden kann. Fast alle Menschen, mit denen ich arbeite, glauben, nicht singen zu können, sind aber hinterher froh, den Schritt gewagt zu haben.

Bei welchen Krankheiten hat sich Singen in der Therapie besonders bewährt?

Wenn wir Singen körperlich funktional nutzen wollen, profitieren Menschen mit Lungenerkrankungen (COPD) und neurologischen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz, Parkinson und Aphasien. In der Psychiatrie beobachten wir besonders positive Effekte bei Menschen mit affektiven Störungen wie Depressionen oder psychosomatischen Erkrankungen. In einer Einzel-Musiktherapie kann mit der Stimme aber auch an ganz individuellen Konflikten und Problemen gearbeitet werden. Schlimmere Nebenwirkungen, außer dass ein Lied nerven, oder die Stimme nach zu lautem Singen etwas rau klingen kann, sind bis jetzt noch bei keiner Zielgruppe aufgetreten.

Nina Alpers